Montag, 17. September 2012

Eine Steckdosenleiste für Julius Leber

Teil des Siegerentwurfs von Katharina Karrenberg
Sie ist nicht leicht zu finden, die kleine Ausstellung im Rathaus Schöneberg. Fast könnte man meinen, dass sich der Bezirk Tempelhof-Schöneberg ein klein wenig schämt und bewusst am Eingang keinen Hinweis angebracht hat. Nach dem Besuch hofft der Betrachter allerdings, dass sich der Bezirk wirklich und gründlich schämt.
Zum Hintergrund: Im Zuge des Abrisses der alten Bebauung in der Torgauer Straße soll auch die ehemalige Kohlenhandlung dem Erdboden gleich gemacht werden, in der Julius Leber seinen Widerstandsarbeit organisiert hat. Der sozialdemokratische Politiker wurde hier am 5. Juli 1944 verhaftet und im Januar 1945 hingerichtet. Seine Frau Annedore betrieb noch bis in die Sechziger Jahre hinein auf dem Grundstück einen kleinen Verlag, mit dem sie das Andenken an ihren Mann und die Widerstandsbewegung pflegte. Einige An- und Umbauten sowie Kriegsschäden haben das ursprüngliche Gebäude im Laufe der Zeit verändert. Nun soll es nach dem Willen des Bezirks verschwinden. Der Grund ist einfach zu erkennen: Das liebe Geld. Möglichst wenig kosten soll die Erinnerung an den Widerstand und selbst die SPD sieht tatenlos zu, wie mit dem Gedenken an einen ihrer größten Männer umgegangen wird. Zum Vergleich: Wenige hundert Meter weiter wurde in den vergangenen Jahren eine Million Euro ausgegeben, um den Schwerbelastungskörper - einen gigantischen Betonklotz - von Albert Speer zu sanieren. Für den Geschichtsparcours und das SA-Gefängnis Papestraße wurde auch ausreichend Geld in die Hand genommen. Auf den nahe liegenden Gedanken, den Ort des Widerstandes in der Torgauer Straße mit in dieses Konzept einzubeziehen - darauf ist im Bezirk niemand gekommen. Es ist ein gutes sowie erschreckendes Beispiel, welchen Stellenwert das Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Jahr 2012 besitzt.
Zurück zur Ausstellung: Anfang des Jahres hat der Bezirk einen Kunstwettbewerb in einem „nicht-offenen Auswahlverfahren“ ausgelobt. Von den fünf eingereichten Arbeiten sind vier zu sehen. Die Jury - die nicht weiter vorgestellt wird - hat einen Entwurf von Katharina Karrenberg empfohlen - nach Kriterien, die ebenso nicht weiter erklärt werden. Und dieser Entwurf macht wahrlich sprachlos: Es soll ein Betonpodest entstehen in der Größe des ehemaligen Windfangs des Häuschens. Damit der Besucher weiß, wo er ist, wird das Wort „Windfang“ auf das Podest geschrieben. Die Beschreibung des Entwurfs muss hier zitiert werden:
Bald Geschichte? Die ehemalige Kohlenhandlung
„Gleichzeitig lässt das Wort Windfang die Leichtigkeit und die energiegeladene Zukunftsvisionen beider Lebensentwürfe in der Schwebe und macht das Kommen und Gehen der vielen Menschen, die diesen Ort besucht haben, erahnbar. Windfang, Podest und die Relikte der Energieversorgung mögen so die Trauer um das kleine Haus in seiner metaphorischen Bedeutung und den Ort in seiner emotionalen, politischen und energetischen Weite erfahrbar machen.“ Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Haus wird platt gemacht, damit anschließend darum auf eine irgendwie esoterische Art und Weise um ebendieses Haus getrauert werden kann.
Aber Frau Karrenberg schafft es, den ganzen Wettbewerb endgültig ins Lächerliche zu ziehen: Da noch einige alte Kabel vorhanden sind, wird eine Art Steckdosenleiste montiert, denn: 
„Die Kohlenhandlung diente als Tarnung, als Verbindung zur Arbeiterschaft und zu den Zwangsarbeitern und sicher auch als Bindeglied zwischen den verschiedenen Energieträgern Gas, Kohle und Elektrizität. Hier konnten sich energiepolitisches Basiswissen und Kontakte in alle Richtungen für die Zeit nach dem Krieg ausbilden.“
Mein Lehrer hätte gesagt: „Thema verfehlt, sechs.“ Julius Leber als Vorreiter der Energiewende - dieses Stück Realsatire macht einfach nur fassungslos. Wie konnte die sogenannte Jury diesen Entwurf auswählen? Der einzige Grund, der einem einfällt: Es ist vermutlich der kostengünstigste. Dass damit das Andenken an den Hingerichteten regelrecht verhöhnt wird, scheint keinem Verantwortlichen aufgefallen zu sein.
Auch die Berliner Geschichtswerkstatt hat bereits Alarm geschlagen und appelliert an die Verantwortlichen, mit dem geschichtlichen Erbe verantwortungsvoll umzugehen. Dass der vorliegende Entwurf dem in keiner Weise gerecht wird, davon kann man sich noch bis zum 26. September im Rathaus Schöneberg überzeugen. 






Kommentare:

  1. Genau das kommt dabei heraus, wenn fachlich nicht interessierte und bewanderte Kommunalpolitiker eine Jury machen und alle wirklich Fachkundigen (ehem. Kunstamtsleiterin, Geschichtswerkstatt, Historiker, Anwohner) vom Entscheidungsprozess ausgeschlossen werden.

    Und wie immer, wenn er nicht zuständig ist und (hoffentlich nicht!) alles gelaufen, twittert Lars Oberg vor sich hin und macht auf betroffen, während seine Partei sich ausdrücklich uninteressiert zeigt.

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    1. Ich nehme zur Kenntnis, dass ein Beitrag von azche24 ohne Beißreflex gegen ehemalige Parteifreunde nicht zu bekommen ist. Vielleicht sind Fakten ja interessanter als eine Anklage zur Bestätigung der eigenen Vorurteile:

      Ausweislich der Sitzung des Kulturausschusses ist noch gar nichts gelaufen. Es gibt ein Jury-Urteil, aber noch keine Entscheidung. Es gibt noch nicht einmal eine Entscheidung darüber, wie entschieden werden soll.

      Die zuständige Stadträtin (mit Parteibuch der CDU), die das bisherige zu verantworten hat, ließ dem Vernehmen nach die Interessierten wissen, dass es bei der Angelegenheit nicht darum ging der Sozialdemokratie ein Denkmal zu setzen. Es scheint also klar zu sein, wer hier einem angemessenen Gededenken wenig abgewinnen kann.

      Das nun ein Ex-Sozialdemokrat seine ehemaligen Parteifreunde dafür beschimpft, dass eine CDU-Stadträtin irgendwelche Dinge macht, die einem würdigen Gedenken eines ermordeten Sozialdemokraten abträglich sind, ist dann schon ein besonders trickreiche Dialektik.

      In der Sache selber plädiere ich dafür den ganzen Wettberwerb einzustampfen und stattdessen Land, Bund und ggf. auch interessierte Stiftungen in die Planungen einzubeziehen. Dem Bezirk scheint es ja an Geld und Gespühr für die Bedeutung eines authentischen Gedenkortes, wie es ihn in Berlin nicht allzu oft gibt, zu fehlen. Vielleicht können die Genannten von beidem etwas beisteuern.

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    2. Sie sind doch der SPDle mit der albernen Mütze, der alten, verunsicherten Frauen im Edeka (Kolonnenstr./Leberstr.) in der Warte-Schlange dazu rät, sich doch am Allerbesten eine Eigentumswohnung zu kaufen, um der Verdrängung zu entgehen und noch dazu erklären, dass die sich hier zunehmend breitmachende verrohte Oberschicht natürlich absolut von hier ist und es sich kein bischen um Zugezogene handelt.
      Sie werden es weit bringen in ihrer 12%-Partei! (Flughafen in Schöneberg anyone?)
      Bürschchen.
      I

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  2. Seine Frau Annedore betrieb noch bis in die Sechziger Jahre hinein auf dem Grundstück einen kleinen Verlag, mit dem sie das Andenken an ... mitusb.blogspot.de

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