Donnerstag, 25. September 2014

Aufwertung, wie sich der Senat sie wünscht: Hotel statt Grün am Kleistpark

Dieser "Schandfleck" am U-Bahnhof Kleistpark soll beseitigt werden
Eine Grünfläche soll verschwinden, eine beliebte Bar, untergebracht in einem ausrangierten S-Bahn-Waggon, soll schließen, ebenso ein Biergarten - zugunsten eines Hotelblocks. SPD sowie CDU in der BVV sprechen von einer "Aufwertung", der Beseitigung eines "Schandflecks". Die Rede ist von der Frei- und Grünfläche am U-Bahnhof Kleistpark, einer kriegsbedingten Baulücke. Durch die U-Bahn und damit zusammenhängende Einrichtungen galt das Grundstück jahrelang als unbebaubar, jetzt will ein neuer Investor eine Möglichkeit gefunden haben, das Gelände kommerziell auszuschlachten. Fast 50 Bäume würden gefällt werden, wenn die öffentliche Fläche privatisiert und in Bauland umgewandelt wird. Eine Tiefgarage für gerade einmal 15 Parkplätze ist geplant, ein schlüssiges Verkehrskonzept fehlt.

Inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative Kleistpark gefunden, die die Bebauung verhindern will. Sie wehrt sich dagegen, dass ein großes Stück Lebensqualität mit dem Sommergarten des Restaurants Ypsilon und der Coocktailbar Train verschwinden würde, zugunsten eines Investors, der nicht gerade seriös wirkt. Die MHMI Immobilien-Verwaltungs GmbH, die auf Ihrer Website noch nicht einmal eine Adresse in ihrem Impressum angibt, hat ein Stammkapital von gerade einmal 25.000 Euro. Di BI vermutet, dass Risiken gemindert werden sollen und im Schadensfall das Land Berlin, also der Steuerzahler, aufkommen müsste, wenn bei der Bebauung auf dem fragilen Grund etwas schiefgehen sollte.

Hinzu kommt, dass ein sogenanntes "vorhabenbezogenes Baugenehmigungsverfahren" durchgezogen werden soll, bei dem es vor allem um Schnelligkeit geht. Umweltverträglichkeitsprüfungen entfallen; Beteiligungen von Anwohnern finden in keinem ausreichendem Maße statt.

Wohlgemerkt: Es handelt sich hier nicht um den Bau neuer Wohnungen, die benötigt werden, es soll wieder einmal öffentliches Gemeineigentum privatisiert werden, zugunsten  dubioser Immobilienspekulanten, zugunsten eines Hotels, das an diesem Standort nicht benötigt wird. Grün soll verschwinden für einen "Stadtplatz" vor einer vermutlich langweiligen Blockrand-Architektur, wie sie in Berlin in den letzten 20 Jahren zum Standard geworden ist.

Freitag, 12. September 2014

Brücke ohne Anschluss

Nutzlos: neue Brücke am Bahnhof Schöneberg
Die gute Nachricht: Die Anwohner am Südring in Wilmersdorf, Schöneberg und Tempelhof werden nicht mit zusätzlichem Lärm durch Güterzüge und eventuelle Leerfahrten von Fernzügen belastet.

Die schlechte Nachricht: Millionen Euro wurden durch die Deutsche Bahn in den Sand gesetzt. Für die Reaktivierung der Gütergleise des südlichen Innenrings wurde eine Brücke am Bahnhof Schöneberg aufwendig neu eingesetzt, die Bauarbeiten führten monatelang zu Sperrungen der S1, Schienenersatzverkehr und genervten Fahrgästen - das alles wurde, wie sich jetzt herausgestellt, ohne jeden Sinn und Verstand durchgeführt. Die Bahn hat sich nämlich dazu entschlossen, die Reaktivierung nicht weiter zu verfolgen, wie aus einem kurzen Satz in einer Mitteilung des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg und einer Stellungnahme der SPD-Fraktion der BVV hervorgeht. Hinzu kommen noch etliche Investitionen für Vorleistungen am Bahnhof Südkreuz bei dessen Bau, die ebenfalls völlig sinnfrei verplempert, verpulvert und verjuxt wurden. 

Im Dezember erfolgt übrigens die jährliche Fahrpreiserhöhung.

Mittwoch, 20. August 2014

Shakespeare im Schuppen

copyright: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de
Die Shakespeare Company Berlin versieht die Titel ihrer Stücke generell mit einem Ausrufungszeichen, dabei hätten weder die Vorlagen, noch die Inszenierungen oder das Ensemble diese zusätzliche Aufmerksamkeit nötig. Und auch nicht der Spielort, nämlich das Schöneberger Südgelände, bei schönem Wetter auf der Freilichtbühne, bei Regen im Lokschuppen, dessen Bezeichnung etwas irreführend ist, handelt es sich dabei doch um eine riesige Halle der ehemaligen Reichsbahn, in deren einer Ecke die Bühne aufgebaut ist.
Leider musste auch bei meinem Besuch vom "Sturm!" die Aufführung nach drinnen verlegt werden. Während der Regen auf das Dach trommelt und ab und zu draußen die Bahnen vorbei rauschen, erleben die Zuschauer ein Volkstheater im besten shakespeare'schen Sinne. Sechs Schauspieler schlüpfen in verschiedene Rollen, einzig die Darsteller vom Zauberer Prospero, dem gestürzten Herzog von Mailand, dem nur die Herrschaft über eine kleine Insel geblieben ist, und vom Luftgeist Ariel, den es zur Freiheit drängt, aber von Prospero festgehalten wird, bleiben als Hauptpersonen den Abend über in ihren Kostümen. Das Bühnenbild ist schlicht gehalten, auf großen technischen Firlefanz wird verzichtet, dafür auf die Kostüme umso mehr Wert gelegt. Das Publikum wird eingebunden, es erklingt schon einmal mit einem Augenzwinkern ein etwas schmalziges Liebeslied oder ein Mitklatsch-Song. Das Spätwerk Shakespeares über Rache und Vergebung spielt mit der Einbildungskraft: Was ist real, was ist Illusion, was ist Wahnsinn und wer spielt eigentlich mit wem? Prospero vergibt am Enden seinen Feinden, die er doch so hasste, aber nicht aus Einsicht.
Die Company wechselt regelmäßig ihre Stücke, im Repertoire befinden sich außerdem noch "Wie es euch gefällt!", "Macbeth!", "Ein Sommernachtstraum!",  Romeo & Julia!", "Richard III!", "Ende gut alles gut!" und "Die Zähmung der Widerspenstigen!".
Bereits seit 2011 hat die Shakespeare Company ihr festes Domizil auf dem Südgelände, kann bislang jedoch aufgrund der Witterung bislang nur im Sommer spielen. Es gibt aber Pläne für ein beheiztes Zelt im Lokschuppen, in dem dann ab November "Ein Wintermärchen!" aufgeführt werden soll. Dafür wird gerade Geld über Startnext gesammelt, es fehlen noch rund dreitausend Euro. Wer also über die Crowdfunding-Plattform dieses tolle Projekt unterstützen will (schon mit fünf Euro ist man dabei), sollte dies unbedingt tun. Und natürlich auch bis zum 13. September die Gelegenheit nutzen, eine Vorstellung auf dem Südgelände am S-Bahnhof Priesterweg zu besuchen.

Sonntag, 17. August 2014

Cheruskerdreieck - zum Teil - fertig

Blick vom Eingang Gotenstraße
Seit Freitag dieser Woche ist es auch offiziell möglich, den neuen Teil des Cheruskerparks, das so genannte Cheruskerdreieck, zu betreten. Seit den heißen Sommertagen wurden die Bauzäune allerdings schon von Anwohnern regelmäßig beiseite geschoben und die Wiese sowie die Spielgeräte und Hängematten in Besitz genommen. 
Die Stadträte Klotz und Krüger übergaben jetzt den Teilabschnitt ganz offiziell der Öffentlichkeit, der allerdings noch von der Torgauer Straße zerschnitten ist. Diese soll im September für Autos von der Cheruskerstraße bis zum Gasometergelände endlich geschlossen und in einen Rad- und Fußweg umgebaut werden - mit einer Breite mit 7,60 Metern leicht überdimensioniert. 
Die Aussichtsplattform
An einem weiteren Teilstück, von der Gotenstraße bis zur Wilhelm-Kabusstraße wird seit ein paar Wochen wieder gebaggert, bis zum Jahresende muss alles fertig sein. Warum alles auf den letzten Drücker erledigt werden muss und das bisherige Jahr verschlafen wurde, das können anscheinend selbst die Verantwortlichen nicht erklären. Vielleicht klappt ja noch alles, und irgendwann im nächsten Jahr werden dann auch die restlichen Bauzäune weggeräumt.
So wie in diesen Tagen üblich, wurden vor allem große Rasenflächen angelegt (denen erfahrungsgemäß dann in den Folgejahren die Versteppung droht), durchsetzt mit ein paar kleinen Bäumen und Pflanzbeeten und vor allem allerlei Spiel- und Bewegungsgeräten. Reizvoll ist der Park vor allem durch seine unterschiedlichen Höhenniveaus, so wurde am Übergang zum alten Cheruskerpark eine kleine Aussichtsplattform angelegt und im Winter findet sich bestimmt die eine oder andere Stelle zum Rodeln. Dazu wird vermutlich auch der kahlgehauhene Bahndamm einladen, an dem völlig überflüssigerweise die wunderbaren alten Fliederbüsche nahezu komplett gerodet wurden zugunsten von - jawohl - noch mehr Rasen. 
Wenn alles fertig ist, wird der Park gewiss seine Nutzer finden, eine Bereicherung ist er allemal.   
Baggerei an der Torgauer Straße



Samstag, 28. Juni 2014

Verdrängung von der Insel - Milieuschutz geplant

Leberstraße 36/38 vor der Sanierung
426,16 Euro. Das sind die nackten Zahlen, die hinter der Debatte um Gentrifizierung, Mieterhöhung, Wohnungspolitik und Luxussanierung stehen. Das sind die Zahlen, die die Menschen direkt betreffen, wenn ihnen die Ankündigung ins Haus flattert, dass ihr Wohnhaus saniert wird und sie anschließend ebendiese Summe monatlich mehr aufbringen müssen, um in ihrem Zuhause bleiben zu können.

Die Bewohner der Leberstraße 36/38 müssen bis zu 450 Euro nach den Sanierungsmaßnahmen, die für ihr Haus geplant sind, mehr bezahlen. Jahrelang hat die Vermieterin, die Domoinvest beta GmbH, das Gebäude verkommen lassen, jetzt sollen gleich sieben "Modernisierungsmaßnahmen" durchgeführt werden (u. a. Anbau von Balkonen, Ausbau des Dachgeschosses, Einbau eines Fahrstuhls), die nach Angaben von Mieter Ulrich Rathgeber zu Mietsteigerungen von bis zu 75 % der Nettokaltmiete führen würden. Viele der Maßnahmen scheinen überzogen und überteuert. Rathgeber hat sich mit den anderen Mietparteien zusammengeschlossen und wehrt sich gegen die drohende Vertreibung. Denn leisten kann sich das kaum einer der langjährigen Bewohner.

Rathgeber hat dabei etwas in Gang gesetzt, was der gesamten Roten Insel zugute kommen könnte: Die Ausweitung der Milieuschutzverordnung auf unsere Nachbarschaft. Milieuschutz (bürokratisch: Erhaltungssatzung nach § 172 Baugesetzbuch) bedeutet, dass der Bezirk gegen Luxussanierungen vorgehen könnte und beispielsweise den Einbau eines zweiten Bades untersagen könnte. Im letzten Jahr wurden bereits zwei solcher Gebiete in der Nachbarschaft eingerichtet, im Bayerischen Viertel und rund um den Kaiser-Wilhelm-Platz bzw. dem Dennewitzplatz. Die Rote Insel wurde zunächst zurück gestellt - obwohl Handlungsbedarf festgestellt wurde: Die Stadtumbaumaßnahmen führen zu einer Aufwertung des Gebiets und zudem gibt es hier eine Vielzahl von alten Beständen, die auf ihre Sanierung warten. Interessanterweise wurde auf der Insel in den letzten Jahren eine besonders hohe Zahl von Kaufverträgen registriert, was die Notwendigkeit für den Milieuschutz unterstreicht.

Warum dieser für uns zurückgestellt wurde, macht eine Aussage der Baustadträtin Sybill Klotz deutlich: "Milieuschutz ist eine Frage von Geld und Personal." Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Immerhin hat die Anfrage von Rathgeber  in der Bezirksverordnetenversammlung dazu geführt, dass die Ausweitung auf die Insel jetzt angeschoben wird; ob sie den Mietern in der Leberstraße noch helfen wird, ist sehr ungewiss.

Fraglich bleibt zudem die Wirksamkeit einer solchen Verordnung. 18 Gebiete gibt es zurzeit in Berlin, und es werden mehr. Die Ausgestaltung bleibt indes den Bezirken vorbehalten. Die Frage, die sich immer wieder stellen wird, ist: Was ist eine Luxussanierung, was eine normale Aufwertung? In der Vergangenheit hat sich diese Waffe gegen Verdrängung eher als ein stumpfes Schwert erwiesen. Sie ist ein Instrument, um ein wenig gegensteuern zu können, den Verdrängungsdruck aufhalten wird sie nicht, schon gar nicht, wenn sie von den verantwortlichen nicht geschärft wird.

Die Politik hat das Problem der Wohnungsnot immerhin erkannt, nachdem es noch im letzten Wowereit-Senat und von der letzten Bausenatorin vorrangig geleugnet wurde. Ob sie ernsthaft das Problem angeht - da bleiben viele Fragen offen. Sehr medienwirksam versammelte sich vor kurzem unter anderem die geballte SPD-Prominenz in der Großgörschenstraße zu einem Kiezspaziergang, um gegen den Verkauf von Bundes-Wohnungen an den Meistbietenden zu protestieren. Dass landeseigene Wohnungsbauunternehmen währenddessen ebenfalls fleißig Wohnungen verkaufen, scheint nicht zu interessieren, ebenso wenig das bockige Verhaltens des von der SPD gestellten Finanzsenators in der Liegenschaftspolitik, das dazu führt, dass sogar die CDU zusammen mit Linken und Grünen gegen die Senatspolitik stimmt.

Die Problematik wird die Insel zunehmend beschäftigen, zum einen aus den oben genannten Gründen, zum anderen rückt die Insel aus ihrer Randlage zunehmend in den Fokus, wie hier schon des Öfteren prognostiziert wurde. Das EUREF-Gelände entwickelt sich im Westen, Berggruen werkelt im Osten vor sich hin, auf der Schöneberger Linse im Süden werden demnächst die ersten neuen Häuser zwischen Sachsendamm und Tempelhofer Weg entstehen.

Für Ulrich Rathgeber und seine Nachbarn ist zu hoffen, dass sie sich erfolgreich wehren können, notfalls juristisch. 

Am Sonntag, 29. Juni, läuft auf arte um 19.45 Uhr ein Beitrag zur Roten Insel und Ulrich Rathgeber - und auch der RoteInsel-Blog spielt eine kleine Rolle!