Samstag, 28. Juni 2014

Verdrängung von der Insel - Milieuschutz geplant

Leberstraße 36/38 vor der Sanierung
426,16 Euro. Das sind die nackten Zahlen, die hinter der Debatte um Gentrifizierung, Mieterhöhung, Wohnungspolitik und Luxussanierung stehen. Das sind die Zahlen, die die Menschen direkt betreffen, wenn ihnen die Ankündigung ins Haus flattert, dass ihr Wohnhaus saniert wird und sie anschließend ebendiese Summe monatlich mehr aufbringen müssen, um in ihrem Zuhause bleiben zu können.

Die Bewohner der Leberstraße 36/38 müssen bis zu 450 Euro nach den Sanierungsmaßnahmen, die für ihr Haus geplant sind, mehr bezahlen. Jahrelang hat die Vermieterin, die Domoinvest beta GmbH, das Gebäude verkommen lassen, jetzt sollen gleich sieben "Modernisierungsmaßnahmen" durchgeführt werden (u. a. Anbau von Balkonen, Ausbau des Dachgeschosses, Einbau eines Fahrstuhls), die nach Angaben von Mieter Ulrich Rathgeber zu Mietsteigerungen von bis zu 75 % der Nettokaltmiete führen würden. Viele der Maßnahmen scheinen überzogen und überteuert. Rathgeber hat sich mit den anderen Mietparteien zusammengeschlossen und wehrt sich gegen die drohende Vertreibung. Denn leisten kann sich das kaum einer der langjährigen Bewohner.

Rathgeber hat dabei etwas in Gang gesetzt, was der gesamten Roten Insel zugute kommen könnte: Die Ausweitung der Milieuschutzverordnung auf unsere Nachbarschaft. Milieuschutz (bürokratisch: Erhaltungssatzung nach § 172 Baugesetzbuch) bedeutet, dass der Bezirk gegen Luxussanierungen vorgehen könnte und beispielsweise den Einbau eines zweiten Bades untersagen könnte. Im letzten Jahr wurden bereits zwei solcher Gebiete in der Nachbarschaft eingerichtet, im Bayerischen Viertel und rund um den Kaiser-Wilhelm-Platz bzw. dem Dennewitzplatz. Die Rote Insel wurde zunächst zurück gestellt - obwohl Handlungsbedarf festgestellt wurde: Die Stadtumbaumaßnahmen führen zu einer Aufwertung des Gebiets und zudem gibt es hier eine Vielzahl von alten Beständen, die auf ihre Sanierung warten. Interessanterweise wurde auf der Insel in den letzten Jahren eine besonders hohe Zahl von Kaufverträgen registriert, was die Notwendigkeit für den Milieuschutz unterstreicht.

Warum dieser für uns zurückgestellt wurde, macht eine Aussage der Baustadträtin Sybill Klotz deutlich: "Milieuschutz ist eine Frage von Geld und Personal." Mehr ist dazu wohl nicht zu sagen. Immerhin hat die Anfrage von Rathgeber  in der Bezirksverordnetenversammlung dazu geführt, dass die Ausweitung auf die Insel jetzt angeschoben wird; ob sie den Mietern in der Leberstraße noch helfen wird, ist sehr ungewiss.

Fraglich bleibt zudem die Wirksamkeit einer solchen Verordnung. 18 Gebiete gibt es zurzeit in Berlin, und es werden mehr. Die Ausgestaltung bleibt indes den Bezirken vorbehalten. Die Frage, die sich immer wieder stellen wird, ist: Was ist eine Luxussanierung, was eine normale Aufwertung? In der Vergangenheit hat sich diese Waffe gegen Verdrängung eher als ein stumpfes Schwert erwiesen. Sie ist ein Instrument, um ein wenig gegensteuern zu können, den Verdrängungsdruck aufhalten wird sie nicht, schon gar nicht, wenn sie von den verantwortlichen nicht geschärft wird.

Die Politik hat das Problem der Wohnungsnot immerhin erkannt, nachdem es noch im letzten Wowereit-Senat und von der letzten Bausenatorin vorrangig geleugnet wurde. Ob sie ernsthaft das Problem angeht - da bleiben viele Fragen offen. Sehr medienwirksam versammelte sich vor kurzem unter anderem die geballte SPD-Prominenz in der Großgörschenstraße zu einem Kiezspaziergang, um gegen den Verkauf von Bundes-Wohnungen an den Meistbietenden zu protestieren. Dass landeseigene Wohnungsbauunternehmen währenddessen ebenfalls fleißig Wohnungen verkaufen, scheint nicht zu interessieren, ebenso wenig das bockige Verhaltens des von der SPD gestellten Finanzsenators in der Liegenschaftspolitik, das dazu führt, dass sogar die CDU zusammen mit Linken und Grünen gegen die Senatspolitik stimmt.

Die Problematik wird die Insel zunehmend beschäftigen, zum einen aus den oben genannten Gründen, zum anderen rückt die Insel aus ihrer Randlage zunehmend in den Fokus, wie hier schon des Öfteren prognostiziert wurde. Das EUREF-Gelände entwickelt sich im Westen, Berggruen werkelt im Osten vor sich hin, auf der Schöneberger Linse im Süden werden demnächst die ersten neuen Häuser zwischen Sachsendamm und Tempelhofer Weg entstehen.

Für Ulrich Rathgeber und seine Nachbarn ist zu hoffen, dass sie sich erfolgreich wehren können, notfalls juristisch. 

Am Sonntag, 29. Juni, läuft auf arte um 19.45 Uhr ein Beitrag zur Roten Insel und Ulrich Rathgeber - und auch der RoteInsel-Blog spielt eine kleine Rolle!

Montag, 16. Juni 2014

Die Uhr tickt

Nichts tut sich an der Kohlenhandlung in der Torgauer Straße

„Die Landschaftsbauarbeiten des Grünzuges beginnen (…) im April 2014 und es wird der 2.Bauabschnitt zwischen Gotenstraße und Naumannstraße bis zum Ende des Jahres fertig gestellt.“

So beantwortete das Bezirksamt eine Anfang Februar eine Anfrage zum Zeitplan für die Fertigstellung des Grünzugs entlang der Torgauer Straße und des Cheruskerparks.
Nun ist der Juni zur Hälfte verstrichen und am 2. Bauabschnitt wurde noch kein einziger Spaten angesetzt. Neue Anfragen im Bezirksamt werden mit offener Ratlosigkeit beantwortet, man wisse auch nicht woran es liege, irgendwelche Probleme mit den Ausschreibungen, aber man halte an den Plänen fest, man habe ja noch ein halbes Jahr Zeit.
Das Hauptproblem ist indes, dass die europäischen Fördergelder in diesem Jahr ausgegeben werden müssen, sonst sind sie im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt und weg und der Streifen würde vermutlich so bleiben, wie er ist. Und auch die Torgauer Straße würde kaum ab der Cheruskerstraße zurück gebaut und durch einen Rad- und Fußweg ersetzt wie versprochen. Die Zeit läuft also davon, es bleiben nur noch rund sechs Monate, wenn das Wetter mitspielt. Es werden umfangreiche Erdarbeiten nötig sein, die Mauern zur Straße auf dem Kohlenhandlungs-Grundstück an der Gotenstraße müssen ersetzt werden (die Baracke bleibt übrigens stehen und wird von den weiteren Planungen ausgeklammert), Wege müssen angelegt und sogar ein paar Bäumchen gepflanzt werden.


Das bereits fertig gestellte Parkstück auf dem Cherusker-Dreieck (zerschnitten von der Torgauer) wirkt bereits jetzt, vor der Eröffnung etwas verwahrlost. Der angesäte Rasen ist nur unregelmäßig angewachsen, an anderen Stellen sprießt das Unkraut. Dessen ungeachtet, und auch die Absperrungen ignorierend, wird dieser Parkteil bei schönem Wetter bereits von den Anwohnern fleißig genutzt. Das zeigt, dass die neue Grünfläche - bei aller Kritik am Kahlschlag, vor allem an den Fliederbüschen - eine gute Idee ist und voraussichtlich positiv angenommen werden wird. Das Bezirksamt setzt diese Chance durch seine Untätigkeit aber mutwillig aufs Spiel. Noch ist Zeit, alles zu einem guten Ende zu führen - aber die Uhr tickt.

Dienstag, 20. Mai 2014

Beachvolleyball bei Berggruen

Berggruens Beachvolleyball-Halle
Nein, das brauchen wir nicht auf der Insel: Zur Zeit errichtet Nicolas Berggruen auf seinem Naumannpark eine riesige Halle, direkt an der Naumannstraße, nördlich des Leutthener Platzes gelegen. Ein Anruf bei der zuständigen Grundstücks GmbH hat ergeben: Hier zieht eine Beachvolleyball-Halle ein. Dass das Gebilde nach Fertigstellung kein Schmuckstück wird, ist nicht schwer vorherzusagen, das Bild der Naumannstraße wird dadurch massiv beeinträchtigt, ob es zu Lärmbelästigungen kommen wird, muss man sehen. Was das mit der angekündigten Kreativwirtschaft zu tun hat - man weiß es nicht. 
Die nicht sehr freundliche Dame am Telefon betonte noch, dass alle Genehmigungen vorliegen würden und alles seine Richtigkeit hätte. Besser macht es das nicht und es ist noch Schlimmes für die Zukunft zu befürchten.

Samstag, 17. Mai 2014

Fernbus-Station Südkreuz

Haltestelle am Südkreuz
Letztes Jahr war Meinfernbus der Vorreiter - mit offensichtlich durchschlagendem Erfolg. Viermal täglich schickte der private Betreiber seine Busse von der Autobahn zum Zwischenstopp ans Südkreuz, um dort weitere Fahrgäste auf dem Weg nach Dresden einzusammeln. Erst wurde eine kleine Haltestelle am Hidegard-Knef-Platz eingerichtet, dann ein Wartehäuschen aufgestellt und seit diesem Monat wurde das Angebot auf sieben Verbindungen ausgeweitet. Die Idee fanden offensichtlich auch andere Unternehmen überlegenswert, und so gibt es momentan wochentags 14 (!) Verbindungen vom Südkreuz in die Sachsen-Hauptstadt, am Sonntag sind es sogar 17. Um 7.25 fährt der erste Bus von Meinfernbus, Flixbus bietet vier weitere Fahrten an und das bahneigene Unternehmen Berlinlinienbus versucht es nun auch mit drei Bussen pro Tag, wobei hier der späteste um 21.00 Uhr abfährt.

Dass letzteres Unternehmen jetzt auch ins Geschäft am Südkreuz eingestiegen ist, mag auch erklären, dass die Bahn als Verantwortliche für den Vorplatz den kleinen Wartebereich eingerichtet hat, mitsamt dem neuen Schild mit der offiziellen Bezeichnung „Fernbus-Station Südkreuz“. Noch fehlen zwar Hinweise im Bahnhof auf den Abfahrtsort, dennoch scheinen genug Reisende den Weg zu den Bussen zu finden. Ein Großteil der ankommenden Fahrgäste verzichtet auf die Weiterfahrt bis zum Zentralen Omnibusbahnhof  (ZOB) am Funkturm und nutzt die wesentlich komfortableren Verbindungen von Berlins zweitgrößtem Fernbahnhof.

Die Frage ist: Werden hier Fakten geschaffen hinsichtlich eines neuen Standorts für den aus allen Nähten platzenden und schmuddeligen ZOB? 

Zum Hintergrund: Seit Jahren wird in Berlin darüber diskutiert, ob und - wenn ja - wo ein zweiter Standort geschaffen werden soll. Das Südkreuz stand immer mal wieder in der Diskussion, genügend Brachflächen rund um den Bahnhof würden ja existieren, der Autobahnanschluss ist geradezu ideal und die Entwicklung des Bahnhofsumfelds macht seit Jahren keinerlei Fortschritte. Dagegen spräche allerdings die relative Nähe zum alten Standort.
Nicht viel weiter entfernt, aber vom Senat anscheinend favorisiert, wäre ein möglicher Standort am Tempelhofer Feld. Angesichts des anstehenden Volksentscheids am 25. Mai gewinnt man allerdings den Eindruck, dass diese Pläne vom Senat doch lieber etwas versteckt werden - ein Busbahnhof passt vermutlich nicht ganz in die aufgeheizte Stimmung. So wird zwar ein ZOB“ in einer Masterplan-Broschüre des Senats in den Plänen verzeichnet, im Text findet man allerdings keinen Hinweis oder auch nur eine Aufklärung, was damit überhaupt gemeint ist. Falls die Abstimmung für den Regierenden ungünstig ausgeht (und darauf wollen wir alle hoffen!), sind diese eventuellen, möglichen, Mal-Schauen-Pläne eh wieder Makulatur.

Der dritte Standort, von den Busbetreibern favorisiert, ist der Ostbahnhof, von dem ebenfalls bereits jetzt vereinzelte Fahrten starten. Für diesen Standort würde die größere Entfernung vom existierenden ZOB sprechen, allerdings existiert hier kein naheliegender Autobahnanschluss, die Busse müssten sich erst durch den Berliner Stadtverkehr quälen.
Sorge muss man allerdings keine haben, dass sobald eine Entscheidung fällt. Der Senat schiebt auch diese Entscheidung seit Jahren vor sich her - dass der Busverkehr mit der Aufhebung des Monopols für die Deutsche Bahn explodieren würde, wusste man zwar seit Jahren, aber das hat die Berliner Politik schließlich noch nie angefochten, siehe Berliner S-Bahn, siehe BER, siehe Schulpolitik etc. Als nächstes soll der alte ZOB zunächst einmal, vielleicht, irgendwann, ein wenig ertüchtigt werden.

Wie sich der Verkehr am Südkreuz entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Bislang werden lediglich Verbindungen nach Dresden angeboten. Solange keine wirklich attraktive Bahnverbindung existiert (und die Dresdner Bahn nicht wieder aufgebaut wird - auch so ein Berliner Projekt), wird der Bedarf weiter hoch sein. Ob sich weitere Zielorte lohnen, werden wohl die Betreiber entscheiden. Doch irgendwann könnte auch der Platz am Südkreuz knapp werden.

Freitag, 21. März 2014

Flaschenhals eröffnet - Park mit Baustellencharme

Großer Andrang zur Eröffnung
Pünktlich zum Frühlingsanfang wurde am Freitag von Senator Michael Müller sowie der üblichen Tempelhof-Schöneberger Politprominenz (Bürgermeisterin Schöttler, Stadträte Krüger und Klotz) der Flaschenhalspark eröffnet, ein weiteres Teilstück der Schöneberger Schleife. Über eine Rampe südöstlich der Monumentenbrücke gelangt man in den eher naturbelassenen Park, der bis auf den breiten, beleuchteten Asphaltstreifen an das Südgelände erinnert, inklusive eines Mulchweges, der zwischen ehemaligen Eisenbahngleisen verläuft. Es handelt sich zudem um ein weiteres Teilstück des Radfernwegs Berlin-Leipzig.
Senator Müller redet

Mit der Eröffnung des Flaschenhalsparks wurde der Gleisdreieckpark südlich der Yorckstraße fortgesetzt. Um ihn optisch auch an sein nördliches Pendant anzupassen, haben die Planer noch kurzfristig einen Bauzaun entlang des Weges quer durch den Park aufgestellt. Der Grund auch hier eine typische Berliner Planungsgeschichte: Knapp vor Eröffnung hat die Bauaufsicht bemerkt, dass die alten Bahnanlagen eine Gefahr darstellen könnten und die kniehohen Holzbarrieren eventuell nicht ausreichen, Kinder vom Klettern abzuhalten. Der Großbaustellencharme des Westparks kann somit auch hier genossen werden - es lebe das Berliner Provisorium! (Edit: Inzwischen wurde der Bauzaun im Westpark abgebaut.)


Baustellencharme


Auch die Yorckstraße scheint sich urplötzlich zwischen den beiden Parks durchgefressen zu haben. Einige Jahre Planung haben nicht ausgereicht, eine sichere Überquerung per Ampel oder wenigstens Zebrastreifen zu ermöglichen. Noch während der Eröffnungszeremonie wurden ein paar Gitter direkt an der Yorckstraße aufgebaut, wenige Meter weiter hetzten die Parkbesucher über die berüchtigte Rennstrecke. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis hier der erste folgenreiche Unfall geschehen wird. Auf diesen Missstand wiesen Müller und Klotz in ihren Reden zwar auch hin - man fragt sich bloß, wer eigentlich verantwortlich für solche Fehlplanungen ist? Wann die auf der Hand liegende Lösung für das Problem ermöglicht wird, nämlich eine Querung über die alten Bahnbrücken, hängt natürlich vom lieben Geld ab.


Der sogenannte Monumentenplatz vor den Hallen des Technikmuseums muss erst noch gestaltet werden. Dies könnte allerdings einen schönen Nebeneffekt haben: Das Museumsdepot liegt nicht länger versteckt abseits aller Wege, vielleicht ist ja sogar langfristig eine alltägliche Öffnung für das Publikum möglich?

Der Lückenschluss bis zum Alfred-Lion-Steg soll bis nächstes Jahr fertiggestellt werden. Wie dann die Querung der Monumentenbrücke und die Umfahrung des Bahnhofs Südkreuz gestaltet werden, scheint völlig offen. 18 Monate Planung werden da wohl kaum ausreichen. Siehe oben.

Trotz aller Mängel (zu denen auch der fehlende, bereits vor Jahren vorbereitete Treppen-Zugang von der Kreuzbergstraße gehört), ist der Park ein Gewinn für Schöneberg und Kreuzberg, vor allem wenn die Strecke eines Tages durchgängig für Radfahrer von Südende bis zum Potsdamer Platz befahrbar sein wird.

Yorckstraßenquerung



Die Rampe wird mit Graffiti verziert


Wie im Südgelände
Gras muss noch wachsen
Links Asphalt, rechts Mulch