Freitag, 21. August 2015

Die Rote Insel hilft!


Heim für Flüchtlinge: ehemalige Schule am Tempelhofer Weg
Die Flüchtlingszahlen steigen, die Lage für die Menschen wird zusehends dramatischer, die Behörden sind überlastet und teilweise überfordert. Bürgerliches Engagement ist gefragt, und zwar ohne zu lamentieren. Ganz konkret vor Ort, hier und jetzt.

Seit dieser Woche wird die seit mehreren Jahren leerstehende Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule am Tempelhofer Weg für derzeit rund 170 Flüchtlinge genutzt. Demnächst sollen Duschcontainer auf dem Hof aufgebaut werden und die Unterkunft von einem privaten Betreiber gemanagt werden.

Wir Nachbarn können helfen mit Sachspenden. Leider ist es momentan schwierig, konkrete Auskunft zu bekommen, was benötigt wird. Kinderkleidung soll derzeit genügend da sein, eine Tüte mit Männerkleidung wurde heute gerne angenommen. Ich schlage vor: hingehen und nachfragen!

Bei Facebook hat sich eine Gruppe "Schöneberg hilft" gegründet, hier gibt es bislang allerdings auch nur sehr spärliche Infos. Vielleicht klärt sich die Situation in den nächsten Tagen und es wäre schön, wenn Neuigkeiten bezüglich des Hilfebedarfs weitergegeben werden, gerne an den Rote-Insel-Blog, per Mail oder auch über meine Facebook-Seite.

Sonntag, 16. August 2015

Ein Weg ist nicht genug

Nein, das ist keine Autobahnauffahrt – links der neue Weg, rechts der alte
Die Wege des Bezirksamtes sind unergründlich, das weiß man ja in Schöneberg.  Und ab und zu schafft es sich zusätzliche Wege, die man auch nicht verstehen muss. So zum Beispiel am Bahnhof Südkreuz. Seit 2006, der Eröffnung des Bahnhofs, nutzen die Bewohner der Roten Insel den (auch heute noch) inoffiziellen Ausgang über den Parkplatz der Bundespolizei und spazieren gemütlich entlang der Zufahrt zur heutigen Wilhelm-Kabus-Straße. Ab und zu muss man etwas beiseite treten, wenn Einsatzwagen vorbei wollen, oder, was leider häufiger der Fall ist, illegale Autoparker, die die Blindheit von Polizei und Bahn ausnutzen.

Nun dachten sich Bezirk und Bahn offensichtlich: Ein Weg ist nicht genug! Der Eigentümer des "Naumannparks" (Nicola Berggruen) knappste von seinem Grundstück einen Streifen ab, der wurde jetzt asphaltiert, so dass nun zwei Wege parallel zum Bahnhof verlaufen – man fühlt sich ein wenig wie auf einer Autobahn. Nur dass der neue Weg im Sand der ungepflegten Wiese vor dem Beginn des Nord-Süd-Grünzugs endet, inklusive eines Bordsteins, den man als Radfahrer (oder auch Fußgänger) dort nicht erwartet. Im Gegenzug durfte der Naumannpark einen Durchgang an der Hertha-Block-Promenade schaffen, um seine Grundstücke besser zu erschließen.

Der Bordstein bleibt

Was das ganze soll? Warum der neue Platz nicht für dringend benötigte Fahrradständer genutzt wurde? Wir sind halt in Schöneberg! Immerhin sorgen einige LED-Leuchten auf dem Berggruen-Grundtück jetzt für indirektes Licht. Es ist etwas unwahrscheinlicher geworden, dass ich wie letzten Winter in den Kadaver einer Ratte stiefele.

Übrigens: Eine offizielle Eröffnung gab es diesmal überraschenderweise nicht durch unsere Stadträte. Vielleicht wäre das dann doch etwas zu peinlich gewesen.

Samstag, 11. Juli 2015

Der E-Bus kommt

Der E-Bus vor dem Gasometer
Hier und da kann man die vier neuen gelben und etwas klobigen Busse der BVG bereits sehen, Fahrgäste werden sie allerdings erst ab September transportieren. Das Besondere an ihnen ist, dass sie vollständig elektrisch fahren und induktiv, also kabellos geladen werden. In den letzten Monaten wurden dazu am Bahnhof Südkreuz und am Zoo Ladestationen unter den Asphalt versenkt. Auf der Linie 204 werden die Busse dann hin und her pendeln quer durch Schöneberg und über die Insel und das als erste „komplette Innenstadtlinie einer europäischen Hauptstadt“, wie die BVG stolz vermerkt.
Ausnahmsweise ist die BVG und damit Berlin Vorreiter in zukunftsfähigen Technologien; dass elektrisch betriebene Autos die alten Stinker nach und nach verdrängen werden, ist anzunehmen und zu hoffen.
Auf der Ladestation am Südkreuz
Die Busse können maximal 65 Kilometer in der Stunde fahren, was in der Stadt wohl reichen dürfte, sind dafür aber momentan noch sehr teuer, da es sich um Einzelanfertigungen handelt. Sie sollen sehr ruckelfrei und angenehm fahren – ob das jedem Fahrer gefällt? Ab und zu beschleicht einen doch das Gefühl, dass so mancher seine Fahrgäste gerne etwas durchrüttelt zwecks Frustabbau. Den Passagier wird's jedenfalls freuen. Zudem sind sie natürlich extrem leise; die Batterien sind übrigens auf das Dach gepackt, daher wirkt das Gefährt auch noch etwas schwerfällig.
Zunächst wird das Projekt ein Jahr laufen, dass die E-Busse aber auch danach weiter auf dieser Linie fahren werden, ist ziemlich wahrscheinlich. Schließlich ist die teure Infrastruktur nun vorhanden, wie auch der Bus-Chef der BVG, Martin Koller, auf einer Info-Veranstaltung auf dem Euref-Gelände meinte.
Ob diese Art von E-Bus sich durchsetzten wird, ist völlig offen, schließlich gibt es einige Konkurrenz-Projekte und die Entwicklung ist längst nicht abgeschlossen. Aber in einigen Jahren werden elektrische Busse eine echte Alternative für die alten Dieselfahrzeuge sein, das dürfte sehr sicher sein.

Sonntag, 7. Juni 2015

Annedore-Leber-Grünzug

Eingang Wilhelm-Kabus-Straße
Seit Ende Mai sind die Bauzäune entlang des neuen Grünzugs an der Torgauer Straße weggeräumt und allmählich wird auch diese Fläche von den Anwohnern in Besitz genommen. Die Stadträte Klotz und Krüger hatten einmal mehr zu einer Eröffnung geladen, um ein weiteres Teilstück der Schöneberger Schleife zu knüpfen. Bereits Ende 2013 wurde das Cheruskerdreieck fertig gestellt, anschließend die Torgauer Straße von der Cheruskerstraße bis zum Euref-Grundstück in einen  Fuß- und Radweg umgewandelt mit neuer Beleuchtung. 

"Kohlenhandlung" mit Info-Tafeln
Ja, es ist eine Bereicherung für die Insel, wie auch an den zahlreichen Nachbarn zu sehen ist, die die Rasenflächen und Spielgeräte nutzen, trotzdem gibt es einiges zu kritisieren: Von der verspäteten Fertigstellung will ich gar nicht schreiben, aber die Schöneberger Schleife wurde auch als Rad- und Skaterweg angekündigt. Von der Kabus-Straße bis zur Gotenstraße werden diese Gruppen jedoch weitgehend vernachlässigt. Zwar wurde auf der südlichen Seite der Torgauer Straße ein breiter Radweg neu asphaltiert (auf der nördlichen Seite bleibt es beim viel zu schmalen, zugewachsenen Weg), dieser jedoch mit einigen Pollern zum Hindernisparcours umgebaut. Auf Bordsteinabsenkungen an der Leber- und Gustav-Müller-Straße wurde gleich ganz verzichtet (Rollstuhlfahrer sind wohl gar nicht erwünscht) und die Situation rund um das Südkreuz und die Wilhelm-Kabus-Straße bleibt in alter Schöneberger Tradition lebensgefährlich. Von den einstigen Überlegungen, die Torgauer Straße zur Fahrradstraße umzubauen, ist nichts übrig geblieben. Wann die Verbindung bis zum Sachsendamm weitergebaut wird und nicht im Nirgendwo endet, steht in den Sternen. 

Viel Rasen, wenig Bäume
Und auch was mit der Baracke von Annedore und Julius Leber geschieht, ist nach wie vor unklar. Im März wurde durch das Sturmtief Niklas ein Teil des Daches weggepustet, nachdem der Bezirk versäumt hatte, das Gebäude zu sichern. Nun zögert er die Reparaturarbeiten heraus, wodurch weiter Wasser eindringt und sich die Kosten erhöhen. Es drängt sich die Frage auf, ob das Bezirksamt Fakten schaffen will? Auch Kulturstaatssekretär Renner widersetzt sich einem Erhalt, er möchte weiterhin die Steckdosenleiste verwirklicht sehen. Dem Stadtteilverein Schöneberg ist viel Glück zu wünschen,  dass er sein Vorhaben eines Lern- und Gedenkortes umsetzen kann, für den er mit einigen Informationstafeln vor der abgesperrten Baracke wirbt. 

Die Gestaltung des Grünzugs ist Geschmacksache, etwas mehr Bäume wären aber wünschenswert gewesen. Der Rasen muss sicher erst anwachsen, ob er dann auch ausreichend gepflegt wird, ist die nächste Frage, oder ob er so schnell versteppt wie auf den anderen sonnenbeschienenen Flächen des Parks und zugemüllt wird wie die Nordspitze von einigen Besuchern, denen ich ihren Abfall gerne persönlich in ihre Wohnungen werfen würde.

Eine gute Idee kommt übrigens aus den Reihen der SPD und der Grünen: Sie möchten, dass der Grünzug nach Annedore Leber benannt wird. Kann man machen, schaffen wir doch gleich Fakten!

Sonntag, 17. Mai 2015

Bier, Bratwurst und Gebolze - zu Besuch bei Internationale

Internationale gegen Sparta Lichtenberg
Mein letzter Besuch in einem Fußball-Stadion liegt gut zehn Jahre zurück, Hertha gegen Rostock, ein recht trostloses Gekicke, wie so häufig, ja eigentlich wie immer bei Hertha. Die Abstiege, die dazwischen lagen, motivierten mich auch nicht gerade, mal wieder im Olympiastadion vorbeizuschauen. Ja, ich bin ein Schönwetter-Fan, ein Fernseh-Fußball-„Experte“.
Doch es gibt ja noch andere Möglichkeiten, andere Ligen, gleich nebenan, auch auf der Roten Insel. Und wenn man schon Lokal-Patriotismus beweisen will, dann doch gleich richtig. Der FC Internationale hat keine große Tradition, ist aber sicher einer der sympathischsten Vereine der Stadt. Ich habe schon einiges über die ungewöhnliche Geschichte mitbekommen, also auf zum Sportplatz an der Monumentenstraße, zum Abstiegsspiel gegen Sparta Lichtenberg in der Berlin-Liga, der sechsthöchsten Spielklasse, am Samstag Mittag.
Der Ticketverkäufer in seinem Häuschen wirkt etwas schlecht gelaunt, ein paar Zuschauer sitzen bereits auf den drei Bankreihen und auch nach Spielbeginn finden sich noch ein einige Sportbegeisterte ein, am Ende sind es vielleicht 200. Es sind vor allem ältere Herren mit schütterem Haar, die sich hier die Zeit vertreiben, ein paar Jugendliche mit Internationale-Sportjacken und sogar die eine oder andere ältere Dame, die man nicht auf einem Fußballplatz erwartet. Der Monumenten-Imbiss verkauft stilsicher Bratwurst und Bier. In der Hecke trillert eine Nachtigall, die Stimmung unter den Fans ist ziemlich zurückhaltend. Als die beiden Mannschaften auflaufen (die Schöneberger in tollen blau-schwarz-gestreiften Trikots, eine Hommage auf den Namensvetter Inter Mailand) kommt auch kein Jubel auf, fast schon rührend ist das aufmunternde Zuwinken der Spieler.
Fußi in Schöneberg
Der FC Internationale wurde 1980 gegründet als Antwort auf die Kommerzialisierung des Fußballs, Spaß und Leidenschaft sollen im Vordergrund stehen, nicht das Geld. So werden bis heute keine Auflauf- und Punkteprämien gezahlt, auch in der Berlin-Liga ist dies eine große Ausnahme. Auf den Trikots prangt kein Sponsoren-Name, sondern ein „No Racism“-Logo, die Integrationsarbeit des Clubs ist kein Lippenbekenntnis, sondern gelebte Realität. Die Preise für die Vereinsarbeit sind daher auch zahlreicher als für sportliche Erfolge.
Ein Punkt würde heute reichen, um relativ sicher den Klassenerhalt zu sichern. Aber Inter beginnt nervös, die Lichtenberger brechen immer wieder über die rechte Seite durch, jedoch zunächst ohne Erfolg. Etwas überraschend schnappt sich Moritz Sondermann in der 11. Minute den Ball, umkurvt einige Sparta-Spieler und auch den Torwart und bringt Inter in Führung. Ich ertappe mich beim Jubeln.
Doch die Freude währt nur kurz, nämlich genau eine Minute. Wieder patzt die Schöneberger Abwehr und legt freundlich auf zum Ausgleich, drei weitere Minuten später setzt sich ein Sparta-Mann erneut rechts durch, flankt und per Kopfball gehen die Gäste in Führung.
Am Spielfeldrand pflückt ein kleines Mädchen mit buntem Haarreif Pusteblumen und Gänseblümchen, fragt ihren Vater nach dem Namen einer gelben Blume. Alte Bekannte treffen sich unter den Zuschauern und bringen sich auf den neusten Stand über das Auto des Nachbarn („sechs Zylinder, kann sich es wohl leisten“). Bei einem Abseitspfiff warte ich vergeblich auf die Wiederholung, verdammte Fernsehgewohnheit. Nein, es gibt keine Anzeigetafel, nicht einmal aus Holz, keine Lautsprecherdurchsagen.
Zur Pause hole ich mir eine Bratwurst und ein Bier, wenn schon, dann richtig. Erstaunt sehe ich zwei Reporter, die offensichtlich eine Live-Reportage übertragen. Für wie viele Zuhörer?
Was wohl nur wenige wissen: Der Sportplatz an der Monumentenstraße hat eine Tradition, die ziemlich erstaunlich ist. Genauer gesagt: Auf dem angrenzenden Recycling-Hof stand einst ein richtiges Fußball-Stadion, das bis zu 12.000 Zuschauern Platz bot. In den 1950er Jahren wurde es abgerissen; in dem schönen Band „Rasen der Leidenschaften – Die Fußballplätze von Berlin“ finden sich zwei alte Aufnahmen.

Die zweite Halbzeit beginnt. Die Zuschauer unterhalten sich über den Abstiegskampf von Hertha, die heute Nachmittag spielen. Der schlecht gelaunte Kassierer taucht auf der anderen Platzseite auf und ist noch schlechter gelaunt, schreit ein „Mann, Mann, Mann“ über den Platz und verschwindet wieder. Die Inter-Spieler rennen jetzt an, die Abwehr ist konzentrierter, doch der Ball will nicht ins Tor. Einige Zuschauer sind genervt, ärgern sich über den Schiedsrichter und das Spiel wird ruppiger. Der Kassierer taucht jetzt hinter dem Sparta-Tor auf und brüllt mit einer ungesunden Gesichtsfarbe etwas von einem „Scheiß-Spiel“. Es hätte noch eine weitere Stunde gespielt werden können, der Ball wäre nicht mehr im Tor gelandet. Mit dem 1:2 befinden sich die Schöneberger wieder im Abstiegskampf, zwei Spiele bleiben noch in dieser Saison. Und mit Tennis Borussia kommt in zwei Wochen ein echtes Schwergewicht an die Monumentenstraße, ein Traditionsverein, es wird nicht leicht. Nach dem Schlusspfiff leert sich der Platz ziemlich schnell. Es hat Spaß gemacht, ich werde wieder kommen, vielleicht schaffe ich es ja über den Status des Schönwetter-Fans hinaus.