Montag, 18. November 2013

Grabenkämpfe um Schöneberger Schleife

Wannseebahngraben mit zu planendem Grünzug
Das zweite Werkstattgespräch zur Gestaltung des Wannseebahngrabens verlief einigermaßen erstaunlich: Zu Beginn lag die Stimmung der etwa 50 Teilnehmer irgendwo zwischen aufgeheizt und aggressiv, nach vier Stunden Diskussion und Streit kehrte fast so etwas wie Harmonie in die Runde ein. 
Darum geht es: zwischen Ebersstraße und dem Westpark am Gleisdreieck soll ein weiterer Teil der Schöneberger Schleife geschlossen werden, parallel zur S-Bahn. Nun sah diese Schleife ursprünglich vor, einen „Multifunktionsweg“ zu schaffen, also einen Weg für Fußgänger, Jogger, Radfahrer, Skater und auch behinderte Menschen - letztere wurden in den Überlegungen am Samstag übrigens mit keinem Wort erwähnt. Vor allem eine Gruppe von Anwohnern der Crellestraße, inzwischen gut organisiert durch den Widerstand gegen die Lindenfällung, opponiert nun gegen diesen Plan, fürchtet eine radikale Abholzung des sogenannten „Crelle-Urwalds“. 
Die erste Stunde der Veranstaltung in der Pallasstraße wurde durch ebendiese Gruppe geprägt, einige Teilnehmer zeigten ein etwas seltsames Verständnis von demokratischer Bürgerbeteiligung, so wurden abweichende Meinungen, wie etwa ein Plädoyer des ADFC-Vertreters für eine Radwegeverbindung, die einen übergeordneten Stellenwert besäße, regelrecht niedergebrüllt. Auch der Umgang mit dem am Vortag stattgefunden Gespräch mit Kindern war bezeichnend. Die inzwischen durch den Crelle-Konflikt in Funk und Fernsehen bekannte Anja Jochum kritisierte, dass die wenigen anwesenden Kinder durch die Fragestellungen manipuliert worden wären. Einen andere Teilnehmerin wusste allerdings zu berichten, dass die anwesenden Erwachsenen (die nicht eingeladen wurden) mit der Zeit die Veranstaltung übernommen hätten und sich die rund acht Kinder daraufhin gelangweilt verzogen haben. Die Wünsche der Kinder nach Spielplätzen wurden aus dem Auditorium in dem Sinne kommentiert, dass die Kleinen ja nicht wüssten, was sie sich wünschen sollen - und auch das Wort „Kinderkacke“ fiel.
Dass die Veranstaltung dennoch in einigermaßen geordneten Bahnen verlief, ist drei Personen zu verdanken: Der Moderator der Veranstaltung und zugleich mit der Planung beauftragte Martin Seebauer konnte mit viel Geduld auch einige skeptischere Anwohner überzeugen, dass er ergebnisoffen in die Veranstaltung gekommen sei. Mehrfach betonte er, dass seine Bandbreite von „wir machen gar nichts“ bis zu „wir holzen alles ab“ gehen würde - wobei letzteres eigentlich ausgeschlossen sei. Er wolle sich auf die Wünsche einlassen und im Januar dann verschiedene Varianten präsentieren.
Als Co-Moderator wurde kurzerhand der Crellestraßen-Anwohner und von diversen Bürgerversammlungen bekannte Holger Schnaars verpflichtet, der mit seiner Meinung zwar nicht hinter dem Berg hielt, aber auch zu einer Beruhigung und Versachlichung beitrug.
Wannseebahngraben
Schließlich plädierte auch Tilman Heuser vom BUND auf verbindliche „badische Art“ für eine „positive Diskussion“. Die sich zum Teil in einem schlechten Zustand befindlichen Spielplätze der Umgebung müssten in die Planung einbezogen werden, zudem könne man prüfen, ob eine Radwegverbindung auf Straßengelände nicht ebenfalls realisierbar wäre. Die Meinungen im BUND  gingen allerdings in dieser Sache auch auseinander. Seine Ermahnung, anständig miteinander umzugehen, verhallte nicht ungehört.
Überwiegend wurde im Publikum die Meinung vertreten, dass allerhöchstens ein kleiner unbefestigter Weg im Graben zumutbar wäre; das Stichwort „Südgelände“ als Vorbild fiel mehr als einmal. Zudem wurde der Wunsch geäußert, den unattraktiven Crellemarkt mit einzubeziehen.
Einige Fragen bleiben allerdings offen: Wie repräsentativ ist eine solche Versammlung wie am Samstag? Selbstironisch stellte ein Teilnehmer fest, dass doch überwiegend eher ältere Semester gekommen seien und überhaupt Zeit hätten für solch zeitraubende Veranstaltungen.
Wenn denn ein Kompromiss zustande kommt: Wie reagieren Bezirksamt und BVV, wenn kein asphaltierter Multifunktionsweg vorgeschlagen wird?

Es bleibt noch viel zu tun. Für Januar sind eine Begehung des Geländes vorgesehen und ein weiteres Werkstattgespräch mit ersten entwürfen des Büros Seebauer.

PS: Nebenan können Sie abstimmen, was Ihrer Meinung nach in den Wannseebahngraben kommen soll. Repräsentativ ist dies sicher nicht, aber vielleicht kann dadurch ein kleines Stimmungsbild erstellt werden.


Kommentare:

  1. Womit man sich so alles beschäftigen kann.... Multifunktionsweg ....... würde ein "Weg" nicht genügen? Ich kenne viele Wege, und sie dienen zu gleicher Zeit ganz unterschiedlichen Zwecken: Es wird auf ihnen gelaufen, gejoggt, gefahren, gesessen, gestanden, manche Leute essen und trinken auf ihnen, andere lassen ihre Kinder dort spielen, wieder andere führen ihre Fiffis Gassi. Viele dieser Wege sind von Büschen, Bäumen und Rasen gesäumt. Von einem "Multifunktionsweg" höre ich zum ersten Mal.

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  2. Ja, da habe ich mich offenbar etwas einwickeln lassen von der Bürokratensprache - sorry dafür! So ein M-Weg ist halt in der Regel asphaltiert und für Spaziergänger, Radfahrer, Skater und Rollifahrer geeignet. Wobei er dem Vernehmen nach nicht genormt ist mit einer bestimmten Breite oder so. Der unbefestigte, schmale Weg - den die Crellestraßen-Anwohner wollen - wäre exklusiv für Spaziergänger und für alle anderen ungeeignet bzw. gesperrt.

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  3. Schade, dass ausgerechnet hier im Rote-Insel-Blog so Partei genommen wird gegen die Interessen der Crellekiez-Bewohner und gegen die Bürgerinitiative im Besonderen. Dabei wird immer wieder eins verschwiegen: Sowohl der asphaltierte Weg als auch ein möglicher Spielplatz bedeuten ganz klar, dass die komplette Vegetation entlang der S-Bahn vernichtet wird. Also: Das Grün, die Bäume und die dort lebenden Tiere!

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    1. Es tut mit leid, dass Sie so empfinden, dass ich Partei gegen die Crellekiez-Bewohner ergreifen würde. Aber: Diese unsachliche Argumentation, dass ein asphaltierter Weg "die komplette Vegetation" vernichten würde ist einfach unsachlich - milde ausgedrückt - und diese werde ich gewiss nicht übernehmen. Es gibt verschiedene Bedürfnisse und diese müssen in einem Kompromiss so gut wie möglich unter einen Hut gebracht werden. Kompromiss bedeutet eben, dass es nicht allen oder sogar Niemandem zu 100% recht gemacht werden kann. (Nebenbei gesagt, vermisse ich bei vielen Leuten auf diesen Versammlungen die Fähigkeit bzw. den Willen zu einem Kompromiss). Einen Kahlschlag wie gerade an der Torgauer Straße geschehen, werde ich gewiss nicht gut heißen und auch die Überfrachtung der Bautzener Brache mit allen möglichen Spielgeräten finde ich sehr zweifelhaft. Ich bin ein absoluter Fan des Südgeländes, das auch zumindest einen breiten Weg besitzt - warum sollte nicht eine Kombination aus befestigtem Weg und Erhaltung der Vegetation so weit es geht, möglich sein? Wenn es um Fahrradverbindungen geht, zugegeben, da bin ich parteiisch! Ein kreuzungsfreier Weg zum Potsdamer Platz wäre äußerst attraktiv. Der motorisierte Individualverkehr konnte in den letzten Jahren vor allem durch den Ausbau der Infrastruktur für Radfahrer zurück gedrängt werden, und das kommt allen Bürgern zugute. In Skandinavien werden regelrechte "Autobahnen" nur für Fahrradfahrer eingerichtet. Nicht dass ich das für den Wannseebahngraben fordern würde, aber für Fahrradfahrer ist noch einiges zu tun, gerade inSchöneberg!

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  4. Ich würde als Anwohnerin und leidenschaftliche Fußgängerin einen Spazierweg bis zum Potsdamer Platz durchaus auch schätzen. Ich laufe nun seit rund 27 Jahren immer wieder am sogenannten Crelle-Urwald lang und bedauere immer wieder, dass der Bereich eher zur Müllhalde verkommt, als uns Anwohnern nützlich zu sein. Für eine radikale Abholzung des Gebietes würde ich auch nicht stimmen, aber ein Weg wird doch drin sein.

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  5. Ein Weglein wäre ok - noch mehr Spieplätze etc, die dann verkommen, weil kein Geld für Instandhaltung da ist, fände ich nicht sinnvoll. Durchgängiger Radweg, wenn dafür andere Anlagen für Fahrräder gesperrt würden, damit man auch irgendwo Kleinkinder rennen oder Bobbycar fahren lassen kann. Oder in Ruhe spazierengehen.
    Was mich am Kahlschlag Torgauer beunruhigt (neben der Tatsache, dass es seither merklich weniger Vögel auf der Insel gibt): der kletterfreundliche Zaun, der jetzt aus der Perspektive mittelgroßer Kinder den Zugang zum S-Bahngelände direkt vom Spielplatz aus sehr verlockend erscheinen lässt.

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  6. Ja, leider ist der Artikel nicht wertneutal und bedient sich der verdroschenen Worthülsen bürokratisch-technischer Art (wofür der Autor sich im Nachhinein entschuldigt), die gerne und schnell Eingang in die Politik finden, die aber niemand so recht versteht. Sagen wir mal so: Das ist auch ihr eigentlicher Zweck. Noch weniger verstehen die Beteiligten, worüber sie abstimmen sollen. Immerhin sind alle Parteien bemüht, das moderate Maß zu finden.
    Ich persönich hätte mich über eine kurze, sachliche Gebrauchsanweisung zur Abstimmung gefreut, die alle Nachteile der jeweiligen Lösung schon jetzt (!) veranschaulicht. Das heißt:Für den Multifunktionsweg mit Spielplätzen müssen 60%, ohne Spielplätze 40% abgeholzt werden, nur für den Weg 20% und für einen Pfad 2-3%. Das sind nur schäzungen eines Laien, die zu befürchten sind. Dann hätte jeder einen klaren Anhaltspunkt und wüßte, woran er ist. Wieviel % der mühseliger Arbeit der Natur und des prozeßhaft Entstandenen, eines langzeitintegrierten Biotops müssen der gar nicht prozeßhaften Schreibtischgeburt zum Opfer fallen, das ist hier die Frage. Also, stimmt bitte über Klarheiten ab, nicht über Worthülsen.
    Im Übrigen, die Behinderten mit ihren Rollstühlen gehören in den Straßenverkehr eingebunden, da sie auch mal gerne Busse und Bahn nuzen wollen, aber nicht programmatisch in einen Urwald, wo Otto normal auch nichts zu suchen hat. Um diesen Abschnitt überhaupt in Kleingruppen zu betreten, müsste wohl erst einmal eine Schulung in Umsicht, Natuterfahrungsprozessen und Achtsamkeit erfolgen.

    Mit freundlichen Grüßen
    eva müllenkampf

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