Sonntag, 29. November 2009

Maulkorb für Journalisten


Lothar de Maizière ist heute unter anderem Geschäftsführer des EUREF-Instituts, das sich auf dem GASAG-Gelände ansiedeln will, das wiederum Reinhard Müller gehört. Die beiden sind alte Bekannte aus der Stiftung Denkmalschutz Berlin - Müller hat diese Einrichtung gegründet, de Maizière ist Vorstandsvorsitzender. Die Stiftung ist dafür verantwortlich, dass über Monate und Jahre Baudenkmale mit Reklame zugehängt werden und aus diesen Einnahmen die Sanierung durchgeführt wird bzw. werden soll. Diese Methode und auch verschiedene Vorkommnisse führten in der Vergangenheit dazu, dass die Denkmalschutz-Stiftung ins Gerede kam, von Untreue und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wurde berichtet. Müller schied daraufhin aus dem Vorstand aus, mit der Begründung, er stelle "kleinbürgerliches Neidgefühl" fest, sein Engagement werde nicht genügend gewürdigt. Die Methode, mit Reklame Gelder zur Sanierung aufzutreiben, wendet Müller nun auch am Gasometer an, seltsamerweise sind von Arbeiten zur Erhaltung des Denkmals bisher nichts zu sehen. Kein Wunder, so die EUREF, man könne sie auch gar nicht sehen, hätten aber durchaus schon stattgefunden. Mein Freund Harvey lässt grüßen! Die Glaubwürdigkeit dieser Aussage lasse ich unkommentiert, es sei nur darauf hingewiesen, dass bislang sämtliche Geschehnisse mit großem Tamtam und Presseauftrieb begangen wurden.
Am 11. November hatte der Kurier ausführlich über die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit den Versprechungen Müllers berichtet. Inzwischen ist der Artikel nicht mehr aufrufbar, und das hat seinen Grund: Lothar de Maizière hat seine Juristen eingeschaltet und eine Unterlassungserklärung des Berliner Verlags durchgesetzt. Folgendes darf nicht mehr veröffentlicht werden:
  • "Offenbar wurden Bezirksamt und (BVV) massiv (sc. von Reinhard Müller) getäuscht;
  • "Hinweise auf ein Platzen der Pläne habe es nicht gegeben, auch nicht, als er (sc. Thorsten Golm) Müller im Sommer selbst zur Rede stellte";
  • (in Bezug auf Erkenntnisse des WZBim Januar 2009): "Es wäre sicherlich transparenter, ehrlicher gewesen, wenn Müller mich (s.c. Bernd Krömer) rechtzeitig informiert hätte";
  • "Das (sc. die Energie-Uni) war von Anfang an eine Luftnummer."
Unterlassungserklärungen und Gegendarstellungen sind offenbar eine beliebte Methode vom Anwalt de Maizière, um sich unliebsame Berichte vom Hals zu halten; auch in der Stiftung Denkmalschutz wurde in der Vergangenheit damit gerne gearbeitet. Die überwiegend zurückhaltende Berichterstattung in den großen Zeitungen lässt sich damit auch erklären; die Furcht vor finanziellen Konsequenzen ist zu groß.
Zum Schluss ein Zitat von de Maizière, seine Zeit als Ministerpräsident der DDR betreffend:
"Wir haben den Versuch gemacht, die Menschen zu überzeugen, uns gegenseitig zu überzeugen. Auch den Prozess deutlich zu machen, der zu unserer Entscheidungsfindung geführt hat, glaube ich, dass wir für die Menschen verständlicher waren."
Auch wenn der letzte Satz grammatikalisch keinen Sinn ergibt, sollte er sich die inhaltliche Aussage auch für seine jetzige Arbeit zum Vorbild nehmen.

Donnerstag, 26. November 2009

Vampire auf der Insel




Das Eckhaus Leberstraße/Leuthener Straße steht seit Jahren leer und dient anscheinend nur noch als Filmkulisse. Das dafür aber sehr regelmäßig. Der morbide Charme der Ecke war unter anderem im Baader-Meinhof-Komplex zu sehen oder letztes Jahr in einer Folge des ZDF-Krimis "Ein starkes Team". Heute Nacht wurde die Ecke mal wieder durch riesige Scheinwerfer bestrahlt, die Gotenstraße ist mit Last- und Cateringwagen zugeparkt. Die Drehzeit ist nur folgereichtig, handelt es sich doch um einen Vampirfilm, "Wir sind die Nacht". Diese sehr seltsame Mode der Beißfilme setzt sich also auch in hiesigen Produktionen fort. Karoline Herfurth und Nina Hoss sollen unter den Schauspielern sein, was wahrlich nicht gegen den Film spricht. 2010 ist die Rote Insel dann wieder im Kino zu sehen.



Freitag, 20. November 2009

Fatal Error



Nein, das ist kein screenshot von meinem PC, sondern von der Werbetafel am Gasometer, heute Nacht aufgenommen. Ohne weiteren Kommentar. Dazu noch ein Hinweis auf einen Beitrag in der taz, auf den die BI aufmerksam gemacht hat.

Sonntag, 15. November 2009

Toll: Nach 18 Monaten weitere Fahrradständer


Knapp eineinhalb Jahre nach Eröffnung des S-Bahnhos Julius-Leber-Brücke werden 20 weitere Fahrradbügel aufgestellt. Nachdem bereits zehn Stück auf der Nordseite am Crellesteig den Radlern spendiert wurden, harren jetzt am Durchgang zur Cheruskerstraße noch eingepackte frische Kreuzberger Bügel ihrer Verwendung. Da an dieser Stelle bislang Bänke vom Tuffstein standen, hoffe ich sehr, dass diese vielleicht etwas versetzt im nächsten Sommer wiederaufgestellt werden dürfen. Übrigens: Die Sanierung der Julius-Leber-Brücke wurde ersteinmal nach Fertigstellung der nördlichen Fahrbahn eingestellt. Während der Autoverkehr wieder ungestört fließen kann, müssen die Umsteiger weiterhin auf die Verlegung der Bus-Haltestellen an die Bahnhofseingänge warten. Aber im Warten haben wir Insulaner ja Übung.
Nachtrag: In der Czeminskistraße werden weitere fünf Bügel montiert.

Samstag, 14. November 2009

Der Kurier legt nach


Bild: Axel MAuruszat

In einem Artikel vom 11. November legt der Kurier in seiner Berichterstattung über die Machenschaften der Euref und Herrn Müllers im Zusammenhang mit dem unglaublich schnell durchgepeitschtem Genehmigungsverfahren. Der Autor findet unter der Überschrift "Der große Gasometer-Bluff" sehr deutliche Worte und spricht von einem Skandal - dieser Begriff wurde bislang leider noch nicht von der anderen Berliner Presse benutzt. Der Vergleich mit dem Film "Der Clou" und dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" ist nur zu unterstreichen. Auch Lars Oberg wird zitiert, der davon ausgeht, dass das Grundstück baureif bis zu 100 Millionen Euro wert sein dürfte - bezahlt hat Müller einst eine Million! Bereitwillige Politiker fast aller Parteien wurden getäuscht, Anwohner mutwillig belogen, das Vertrauen zu den Verantwortlichen zerstört. Hoffentlich reagiert noch die breite Öffentlichkeit in Form der Medien, damit dieser Skandal aufgearbeitet wird. Geklärt werden muss der Grundstücksdeal im Zusammenhang mit der Sanierung der Nordspitze, die Seilschaften, verkörpert vor allem durch den früheren Bezirksbürgermeister und Baustadtrat und jetzigen Müller-Anwalt Uwe Saager und wann das Bezirksamt und vor allem Baustadtrat Krömer von den Täuschungen wusste oder wenigstens wissen musste.

Donnerstag, 12. November 2009

Happy Birthday, Scheinbar!


Die Rote Insel ist nicht gerade gesegnet mit kulturellen Einrichtungen, das "kleinste Theater Berlins" in der Monumentenstraße bildet da eine wunderbare Ausnahme. Die Scheinbar wurde vor genau 25 Jahren von Stefan Linne und Irmtraud Spiegel mit dem Motto "Wir bauen uns unsere Bühne selbst" gegründet. Das nach eigenen Angaben sogar "kleinste Varieté Deutschlands" ist eine Erfolgsgeschichte, schon alleine weil Kurt Krömer hier seine ersten Schritte auf die Bühne tat. Nach eigenen Angaben zunächst mit mäßigem Erfolg (fällt "voll auf die Schnauze"). Dass auch Mario Barth hier aufgetreten ist, sollte man aber besser verschweigen. Dauerbrenner in der Scheinbar ist das Open-Stage-Varieté, Profis und Amateure treffen hier aufeinander und was einen erwartet, weiß man vorher nie. Comedians, Pantomimen, Jongleure, alles ist möglich. Soloshows und Specials wie die Stage-Diven oder der Rote Stuhl runden das Programm ab. Hoffentlich produziert die Scheinbar noch viele Jahre lang einen Haufen von neuen Kurt Krömers!

Freitag, 6. November 2009

Presseschau für Herrn Müller


Auf der EUREF-Homepage wurden in der Vergangenheit stolz alle wohlmeinenden Artikel der Berliner Presse über das Gasometer-Projekt veröffentlicht. Es ist auffällig, wie wenig aktuell diese Seite, ebenso wie die Homepage des "EUREF-Instituts", ist. Als "letzte Meldung" wird die Verabschiedung der Planreife vom 15.7. vermeldet. Die aktuellste Pressemitteilung datiert vom 3. Dezember 2008. Auf der Schwester-Seite wurde seit August nichts mehr aktualisiert, zuletzt hat hier die Party-Location "Richtfest" gefeiert. Von dem neuen Konzept, dass Reinhard Müller als "noch besser als das alte" in den Medien gepriesen hat, findet sich kein Hinweis. Übrigens ist es nur folgerichtig, dass das neue Konzept besser sein muss als ein völlig unsinniges und untaugliches. Womit noch keine Aussage getroffen wurde, wie sinnig das Neue ist. Auch das neue Zugpferd Joschka Fischer sucht man auf den Propaganda-Seiten vergeblich.
Da Herr Müller den Service der Pressemeldungen anscheinend eingestellt hat, übernehme ich gerne für ihn diesen Job. Der Tagesspiegel berichtete am 30. Oktober unter der Überschrift "Der Energieuniversität geht die Luft aus" von den Schwierigkeiten und Zweifeln und dem Lobbyisten Fischer als neuem Gesicht. Gleich zwei Artikel finden sich in der Morgenpost: Am 29. Oktober erschien "Verschoben - Energie-Uni in Schöneberg liegt auf Eis". Hier schwadroniert der einstige Grünen-Patriarch von Veranstaltungen analog zur Münchener Sicherheitskonferenz. Wie seriös solche Aussagen angesehen werden, bleibt jedem (gesunden Menschenverstand) selbst überlassen. Ein Tag später wird im selben Blatt berichtet: "Geldprobleme wecken Zweifel an Energie-Universität". Werden hier noch die verantwortlichen Politiker dahingehend zitiert, dass es keine grundlegenen Zweifel gebe und von Täuschungen keine Rede sein könne, liest sich das im Artikel vom Berliner Kurier am 1. November schon ganz anders. "Wurden die Politiker ausgetrickst?" wird hier gefragt. Demnach hat das Wissenschaftszentrum Berlin schon im Januar festgestellt, dass das Projekt "völlig unrealistisch" sei. Bezirksbürgermeister Band schließt nun nicht mehr aus, "dass es BVV-Mitglieder gibt, die sich getäuscht fühlen." Der folgende Absatz im Kurier liest sich wie ein Schlag ins Gesicht der Anwohner, die von Anfang an dem Vorhaben skeptisch gegenüber gestanden haben:
Wie etwa Thorsten Golm (CDU): Bis zum Schluss habe jeder in der BVV geglaubt, dass die Uni in absehbarer Zeit realisiert würde. Hinweise auf ein Platzen der Pläne habe es nicht gegeben, auch nicht, als er Müller im Sommer selbst zur Rede stellte. Auch Baustadtrat Bernd Krömer (CDU) rückt von Müller ab: „Es wäre sicherlich transparenter, ehrlicher gewesen, wenn Müller mich rechtzeitig informiert hätte.“
Ein Blick auf die Homepage der Grünen beweist, dass hier Skepsis geherrscht hat und nicht vorauseilender Gehorsam wie bei den anderen Fraktionen. Die angekündigte Untersuchung durch den Rechnungshof zeigt hoffentlich schonungslos die Versäumnisse und eventuelle Verstrickungen der Verantwortlichen auf.

Montag, 2. November 2009

Details zum Neubau am Südkreuz


Wie schon öfter berichtet, entsteht am Südkreuz parallel zum Straßenneubau einige riesige Halle, ein Gebäudeteil überragt bereits den Altbaubestand und kann auch von der Torgauer Straße aus gesehen werden. Jetzt gibt es ein paar Details, was die Iden GmbH dort genau plant. Es entsteheh ein fünfgeschossiges Verwaltungsgebäude, ein Großhandelsmarkt mit 7.000 qm Präsentationsfläche und ein Lager mit 4.000 Palettenplätzen; die Gesamtfläche des Grundstücks beträgt 16.000 qm. Im zweigeschossigen Markt werden die Sortimente Papier-Büro-Schreibwaren und Schule, Spielwaren und Geschenkartikel präsentiert. Des Weiteren werden Produkte in den Warengruppen Baby- und Kleinkind, Multi Media, Bücher, Lifestyle sowie Convenience Produkte angeboten. Im Frühjahr oder Sommer nächsten Jahres soll Eröffnung sein. Zu hoffen ist, dass die Neue Naumannstraße bis dahin fertig ist, um den zu erwartenden Verkehr aufzunehmen. Ich vermute allerdings, dass für "normale" Bürger der Großhandelsmarkt kein neues Einkaufsparadies bieten wird!

Sonntag, 1. November 2009

Friedrich Naumann

Die Naumannstraße heißt erst seit 1929 Naumannstraße. Benannt ist sie nach einem prominenten Bewohner, der hier von 1906 bis 1918 in der Nummer 24 (früher Königsweg 4, von 1901 bis 1906 wohnte er in der Hohenfriedbergstraße 11) lebte: Friedrich Naumann (1860-1919). Der Pfarrerssohn aus Großpösna bei Leipzig war evangelische Theologe und liberaler Politiker im Kaiserreich. Nach Abschluss seines Studiums 1883 arbeitete Naumann zunächst für zwei Jahre im "Rauhen Haus" in Hamburg, einem Wohnheim für gefährdete Jugendliche. Als Pfarrer in Langenberg in der Nähe von Chemnitz (1886) wurde seine politische und soziale Einstellung aufgrund der Konfrontation mit den Problemen der Arbeiterschaft in Zeiten der industriellen Revolution wesentlich geprägt.Die christlich-soziale Bewegung, die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts ihren Ursprung hatte, war nicht zuletzt eine Reaktion auf die "umstürzlerischen" Sozialdemokraten, denen sich das Proletariat zuwendete. Das Ziel war, durch soziale Reformen die unteren Schichten mit Staat und Kirche wieder zu versöhnen. Friedrich Naumanns Engagement in diesen Kreisen begann Anfang der Neunziger Jahre; 1894 gründete er zusammen mit seinen Mitstreitern die Zeitschrift "Die Hilfe", die zu einem wichtigen Organ für die Anhänger der von Naumann propagierten Idee vom "nationalen und sozialen Christentum" wurde. Viele Freunde machten sie sich damit allerdings nicht: Auf der einen Seite stand die Sozialdemokratie, deren Klassenkampf Naumann ablehnte, auf der anderen Seite die konservativen Kräfte, die sich gegen soziale Reformen wendete. So war auch den "National-Sozialen" kein politischer Erfolg beschieden. Bei den Reichstagswahlen 1898 und 1903 erhielten sie nur einen marginalen Stimmenanteil und lösten sich daraufhin auf. Naumann wechselte zur sozial-liberalen "Freisinnigen Vereinigung", der späteren "Fortschrittlichen Volkspartei" (FVP). Von 1907 bis 1918 saß er im Reichstag und vertrat hier den Wahlkreis Heilbronn. Nach dem Ende des 1. Weltkriegs und des Kaiserreichs wurde er am 22. Juli 1919 zum Vorsitzenden seiner Partei gewählt, die sich nun  "Deutsche Demokratische Partei" (DDP) nannte. Tragischerweise starb er wenige Wochen später an den Folgen eines Schlaganfalls in Travemünde. Naumanns Grab liegt auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof an der Kolonnenstraße. Den Verfall seiner DDP in den nächsten Jahren musste Naumann nicht mehr erleben.
Sein Wohnhaus auf der Insel war jahrelang Zentrum seiner national-sozialen Bewegung. Unter seiner Wohnung war der Buchverlag "Fortschritt" und die Redaktion der "Hilfe" untergebracht, in der unter anderem Theodor Heuss Mitglied war. Heuss gilt als Schüler Naumanns, war zeitweise Schöneberger Stadtverordneter und wurde 1945 erster Bundespräsident. Naumanns Name lebt in der FDP-nahen "Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit" fort.