Seit einigen Tagen ist die Naumannstraße auf der Höhe des Leuthener Platzes komplett gesperrt. Erstaunlicherweise wird die im August angekündigte Verkehrsberuhigung tatsächlich noch dieses Jahr umgesetzt - oder schreiben wir vorsichtshalber begonnen. Die Straßendecke wurde zumindest schon aufgerissen. Ziel ist es, den historischen Platz optisch mit den neuen Grünflächen östlich der Naumannstraße miteinander zu verbinden. Inwieweit dies gelingt angesichts der großen unbenauten Freiflächen, bleibt abzuwarten. Ein Rückbau der Straße ist allemal sinnvoll, hat die Naumannstraße doch seit der Fertigstellung der Wilhelm-Kabus-Straße ihre alte Funktion als Durchfahrtstraße endlich verloren, lädt dennoch angesichts der Breite ewiggestrige Raser zur Missachtung des Tempolimits ein.
So verkommt... "der Kietz" stand einst auf der inzwischen zerbrochenen Scheibe
Verwahrlosung à la Schöneberg
Es gibt kaum noch ein heiles Fenster, das Unkraut wuchert, Sperrmüll liegt herum. Das Gelände der ehemaligen Schwielowsee-Grundschule samt der Wegeverbindung zwischen Geßler- und Monumentenstraße ist fraglos der größte Schandfleck auf der Roten Insel, vielleicht sogar in ganz Schöneberg. Seit bald fünf Jahren steht das Gebäude leer und eine Besserung ist wohl auch für die nächsten fünf Jahre nicht in Sicht. Fast prophetisch war die Aussgae der damaligen Schulleiterin in der Berliner Zeitung 2006: "Sie sieht die eingeworfenen Scheiben schon vor sich. Ein Schulhort, der zum Hort des Vandalismus wird." Vielleicht war das aber auch lediglich gesunder Menschenverstand, der der verantwortlichen Verwaltung und Politik abgeht. Gegenwärtig gehört das Gelände der Treberhilfe, deren hochfliegende Pläne aufgrund der bekannten Probleme (Stichwort "Maserati-Affäre") längst Makulatur geworden sind. Geradezu hilflos wirkt die Aussage des Abgeordneten Oberg, dass er Gespräche mit dem Eigentümer und dem zuständigen Stadtrat geführt habe. Die "eindringliche Bitte" die Schäden zu beseitigen, verhallte offensichtlich ungehört - Na sowas! Ebenso die kurzfristigen Säuberungsaktionen bringen natürlich keinerlei langfristige Verbesserungen. Deutlicher wird die Grüne Stadträtin Sibyll Klotz, die für den Zustand den "grottenschlechten" Vertrag zwischen Liegenschaftsfonds und Treberhilfe verantwortlich macht, der die Treberhilfe zu keinen Investitionen verpflichtet. Hoffnung auf Besserung macht sie allerdings auch nicht. So wird das Gebäude vermutlich auch die nächsten Jahre weiter verfallen mit der einfachsten Erklärung, die Politik und Verwaltung geben können: "Da kann man nichts machen." Eine Bankrotterklärung.
Die Tage werden wieder kürzer und dunkler, die morbiden Gedanken nehmen zu - es wird also wieder Zeit für Friedhofsbesuche. Einer der schönsten und interessantesten Friedhöfe Berlins ist - und das schreibe ich nicht nur aufgrund der lokalpatriotisch gefärbten Brille - der Alte St.-Matthäus-Kirchhof in der Großgörschenstraße. Er erstreckt sich bis zur Monumentenstraße und hat eine besonders reizvolle Lage, fällt das Gelände doch zum Berliner Urstromtal hin leicht ab - warum Schöneberg Schöneberg heißt, wird hier besonders deutlich. Eingeweiht wurde der Friedhof 1856 und gehört zur St. Matthäusgemeinde, die im südlichen Tiergartenviertel beheimatet ist und bis 1945 als Geheimratsviertel bezeichnet wurde. 1938/39 wurde ein Teil der Gräber nach Stahnsdorf umgebettet, um Platz zu schaffen für die größenwahnsinnigen Pläne der "Welthauptstadt Germania". Ein Gedenkstein am ehemaligen Standort des Familienbegräbnisses der Langenscheidts zeugt von den umfangreichen Eingriffen. Besonders sehenswert sind die an den Umfassungsmauern aufgereihten Erbbegräbnisstätten nach italienischem Vorbild des Campo Santo; seit Ende des letzten Jahrhunderts wird sich endlich ernsthaft bemüht, das Gesamtbild des Friedhofs durch Konservierungsmaßnahmen zu bewahren. Durch die Einwohnerstruktur der Kirchengemeinde finden sich besonders viele Künstlergräber. Die Namen der Bestatteten hier aufzuzähle, würde den Rahmen sprengen: Von Carl Bolle, Georg Büchmann ("Geflügelte Worte"), Ernst Curtius, Friedrich Drake, den Grimm-Brüdern, Alfred Messel, Adolf Diesterweg, Hedwig Dohm bis zu Rio Reiser. Man kann stundenlang über das Gelände streifen und immer wieder Neues und Interessantes entdecken - ein idealer Aufenthaltsort für die Herbsttage.
Ein großes Rätsel der Menschheitsgeschichte waren wohl schon immer - und werden auch zukünftig immer sein - die Fertigstellungstermine für kleinere und größere Bauprojekte. Und warum eigentlich noch NIE ein Projekt vor dem versprochenen Termin fertig geworden ist. Ein weiteres Rätsel gibt uns das Baustellenschild für den Steg über den Bahngraben nördlich des Südkreuzes auf. Dort ist von einer Realisierung von August 2011 bis Januar 2012 zu lesen. Abgesehen davon, dass ursprünglich von einer Fertigstellung im September 2011 die Rede war (und auf der entsprechenden Seite vom Stadtumbau immer noch eine 11 steht), frage ich mich, was mit der Bauzeit zwischen September 2010 und August 2011 geschehen ist? War der Brückenschlag im April nur ein ebensolcher Scherz oder Einbildung?! Und schließlich: Wurden in dieser verschwundenen Zeit Gelder ausgegeben und werden diese nun zurückgezahlt? Fragen über Fragen. Zudem wurde doch bestimmt noch nie in diesen Breitengraden ein solches Projekt mitten im Winter fertig. Also Daumen drücken für die Verantwortlichen, dass der Sommer sich nicht noch weiter in die Länge zieht und bald völlig überraschend der Winter einbricht.
Nicht viel leichter macht es einem das Schild am Leuthener Platz. Der Weg ist asphaltiert, die ersten Zäune stehen, die Bolzplätze werden gerade angelegt. Dennoch soll noch ein volles Jahr gearbeitet werden bis zur Eröffnung. Eine Erklärung könnte höchstens eine überraschende Baupause von einem dreiviertel Jahr sein.