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Dienstag, 28. August 2012

Von der Westtangente zur Grüntangente



Statt Grün und Schienen Beton: Der Traum der autogerechten Stadt ist passé
Ruhig und verschlafen liegt die Cheruskerstraße am Rande der Roten Insel. Dass es hier und heute so idyllisch ist, ist Anwohnern zu verdanken, die an diesem Ort vor bald 40 Jahren eine Bürgerinitiative gegründet haben. Sie haben Erstaunliches erreicht und sind zum Vorbild für zahlreiche Gruppierungen geworden, die sich für eine lebenswerte Stadt einsetzen. Ursprünglich ging es der Handvoll Protestler, bestehend aus Schöneberger Jungsozialisten, um den Spielplatz auf der grünen Fläche, die etwas hochtrabend "Cheruskerpark“ genannt wurde. 
Zum Hintergrund: In den 60er Jahren begannen Planungen für eine beispiellose Stadtzerstörung im Namen des Fortschritts, genannt "autogerechte Stadt". Die sogenannte Westtangentenautobahn sollte West-Berlin einmal der Länge nach durchschneiden, beginnend in Steglitz, über Schöneberg und Tiergarten führend bis in den Wedding. Ende der 60er Jahre wurde das erste Teilstück der heutigen BAB 103 von der Birkbuschstraße bis zum Sachsendamm gebaut, inklusive des Kreuzes Schöneberg als Verknüpfung mit der Stadtautobahn. 
Mit dem geplanten Weiterbau wäre die Cheruskerstraße nahezu unbewohnbar, der Schöneberger Kiez nachhaltig gefährdet und das Berliner Stadtbild insgesamt in eine wüstenähnliche Los Angeles-Lookalike-Betonlandschaft verwandelt worden.

Flächennutzungsplan 1965. Quelle: Senatsverwaltung
für Stadtentwicklung
Einen Eindruck, wie gigantisch die Zerstörung der Stadt hätte ausfallen können, gewinnt man bei einem Blick auf die damaligen Flächennutzungspläne. Die Betonpiste hätte sich quer durch Schöneberg durch den Wannseebahngraben gewälzt (die S-Bahn hätte in einem Tunnel in nordöstlicher Richtung zur Anhalter Bahn Platz machen müssen!), ein weiteres Autobahnkreuz wäre auf dem Gelände des Gleisdreiecks entstanden zur Verknüpfung mit der Südtangente, die wiederum Kreuzberg auf der Höhe der Oranienstraße durchschnitten hätte. Man stelle sich ein weiteres riesiges Autobahnkreuz am Oranienplatz anstelle des lebendigen Platzes und des wunderschönen Engelbeckens vor - so sahen die Wunschträume der Stadtplaner der 60er bis 80er Jahre aus.
Doch zurück zur Roten Insel: Ein Teilstück der Autobahn wäre auf dem Gelände der ehemaligen Cheruskerkurve gebaut worden, der ehemaligen Bahnverbindung zwischen Ring- und Wannseebahn. Besagter Spielplatz und Park wären futsch gewesen, ebenso die Ruhe des Kiezes, die Wohnqualität der Roten Insel erheblich gemindert. Aus dem Trüppchen, das sich gegen die Planungen wehrte, entstand 1974 die Bürgerinitiative Westtangente. Das Gegenkonzept zum Autobahnwahn wurde bald entwickelt unter dem griffigen Motto: Grüntangente statt Westtangente. Anstelle eines grauen Betonbandes sollte ein grünes Band aus überwiegend naturbelassenen Grünflächen die Stadt entlang der brachliegenden, zum DDR-Vermögen zählenden Bahnflächen von der südlichen Stadtgrenze bis zum Tiergarten durchziehen.
Im Laufe von fast 40 Jahren hat die BI sehr viel erreicht: Die Stadtplanung hat sich vom Alp-Wunschtraum "autogerechte Stadt“ größtenteils verabschiedet, der Plan der "Grüntangente“ ist in die Planungen der Stadt eingeflossen und wird nun schrittweise umgesetzt.
Am ehesten entspricht wohl der Naturpark Südgelände dem ursprünglichen Gedanken der Aktivisten. Die Natur bleibt weitgehend ungestört sich selbst überlassen und bildet zwischen den Bahnhöfen Südkreuz und Priesterweg eine für Berlin einzigartige wildnisartige Landschaft zwischen den ungenutzten Bahngleisen. 
Der östliche Teil des Gleisdreieckparks, der letztes Jahr eröffnet wurde, wird hingegen von geraden Wegen und großen Rasenflächen dominiert - nach dem Geschmack vieler Naturschützer kommt hier die ursprüngliche Natur zu kurz. Angenommen wird der Park von der Bevölkerung dennoch.
Grüntangente
So nimmt die Grüntangente Schritt für Schritt Gestalt an: Nächstes Jahr soll der Westpark am Gleisdreieck folgen, der südlich der Yorckstraße gelegene Flaschenhalspark steht ganz oben auf der Projektliste (verbunden mit dem Ostpark über alte Eisenbahnbrücken über die Yorckstraße), erste kleine Teile der "Schöneberger Schleife" sind ebenfalls bereits zu betrachten und zu begehen. Dieser überwiegend schmale Grünzug soll eine durchgehende Wegeverbindung vom Gleisdreieck über den Flaschenhalspark entlang der Anhalter Bahn bis zum Naturpark Südgelände bzw. dem parallel verlaufenden schon bestehenden Hans-Baluschek-Park schaffen. Vom westlichen Gleisdreieck-Park aus soll schließlich später eine weitere Verbindung entlang der Wannseebahn bis zum Cheruskerpark führen, der in den nächsten Jahren erweitert wird und wiederum eine grüne Anbindung entlang der Torgauer Straße Richtung Südkreuz erhält.
Große Pläne nach großem Widerstand. Aber wie man sieht (oder bald sehen wird) hat sich der lange Atem der Anwohner und der BI gelohnt. Der Cheruskerpark ist mitsamt Spielplatz gerettet und wird sogar erheblich vergrößert. 
Dennoch hat sich der Autobahnwahn nicht völlig überlebt. Der neueste Kampf um die A100 zeigt erhebliche Parallelen zu dem Kampf gegen die Westtangente in den 70er Jaheren. Wieder steht ein SPD-geführter Senat mit seiner Argumentation von angeblichen wirtschaftlichen Notwendigkeiten gegen ein breites Bündnis von Anwohnern und Autobahngegnern. Zu wünschen ist den Friedrichshainern, Treptowern und Lichtenbergern ein ähnlicher Erfolg wie einst den Schönebergern aus der Cheruskerstraße.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Nicht nur ein Eisenbahnmaler: Hans Baluschek

Selbstbildnis

Großstadtbahnhof (1904)
Wohnhaus Cheruskerstraße 4
Vom Kaiser wurde er als "Rinnsteinkünstler" bezeichnet, von den Nazis verfemt, erst in letzter Zeit richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf den Maler, Grafiker und Schriftsteller Hans Baluschek. Schöneberger sind vermutlich schon auf den Namen durch die nach ihm benannte Grünanlage zwischen Südkreuz und Bahnhof Papestraße oder durch die Gedenktafel an den Ceciliengärten auf ihn gestoßen. Weniger bekannt ist, dass der 1870 in Breslau geborene Künstler auch auf der Roten Insel gewohnt hat: von 1895 bis 1898 in der Gotenstraße 4, danach bis 1907 in der Cheruskerstraße 5. Gerade diese Adresse ist interessant, malte Baluschek doch äußerst gerne Eisenbahn-, Großstadt- oder Industrieszenen. Von seiner Wohnung aus überblickte er die technischen Anlagen der Gasanstalt sowie die Gleise der Berlin-Schöneberger-Potsdamer Eisenbahn mitsamt der Cheruskerkurve. Der Schriftsteller Georg Hermann (1871-1943) beschrieb das Atelier Baluscheks folgendermaßen: "Oben in Schöneberg war es, in irgendeiner Straße, die nach irgendeinem vorsintflutlichen Germanenstamm benannt war und eine lange, kalte Fassadenreihe in dem Schwindelstil der neunziger Jahre zeigte. (...) Irgendwo da ganz hoch oben wohnet Baluschek, und von seinem Fenster aus hatte man einen weiten Blick über ein endloses Gelände sich kreuzender Eisenbahnschienen, von denen etliche weit hinaus in das Land führten, während andere wieder in kurzem Bogen hinter der Häuserreihe verschwanden. Und eingekeilt zwischen diesen Schienensträngen lagen die wirren Gebäude, lagen die Riesenkuppeln der Gaswerke, lagen all die seltsamen maschinenartigen Anlagen, die zwischen den Kohlenbergen das Gesamtbild einer großen Gasanstalt ausmachen. Unaufhörlich schoben sich die Züge heraus, und unaufhölrlich rollten sie fort. (....) Und über dem ganzen Bild lag weit und breit der trübe Himmel der Großstadt. Überall wehte und flammte Rauch empor (....) Immer war in diesem Bilde etwas von der grandiosen Melancholie, die nur das tausendfache, namenlose Leben der Großstadt kennt." Ein Bild, das man sich heute nur mit viel Phantasie vorstellen kann angesichts der zugewachsenen Bahnanlagen und der ruhigen Kiezatmosphäre.
Ansicht heute
Cheruskerkurve
Der Schöneberger Gasometer findet sich auf vielen Arbeiten Baluscheks, so auch als Illustration seiner "Großstadtgeschichten" mitsamt einer der wenigen Darstellungen der Cheruskerkurve. Auch wenn seine Darstellungen keine originalgetreue Wiedergabe sein sollen, vermitteln sie doch eindrucksvoll die Atmosphäre der Zeit aus Sicht der kleinen Leute, des Proletariats. Seine Kunst zeichnet sich entgegen der damaligen Mode des Expressionismus durch einen beeindruckenden Realismus aus und verzichtet weitgehend auf radikale Verfremdungen.
Hans Baluschek blieb Schöneberg auch später treu und wohnte in der Vorberg-, Akazien- und Hauptstraße, bevor der spätere Sozialdemokrat in den neu gebauten Ceciliengärten eine Atelierwohnung zur Verfügung gestellt bekam. Nach der Machtergreifung der Nazis zog sich Baluschek zurück und starb 1935; sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf. Wer sich ein umfassendes Bild machen möchte, sei die aktuelle Ausstellung im Bröhan-Museum empfohlen.