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Montag, 16. Juni 2014

Die Uhr tickt

Nichts tut sich an der Kohlenhandlung in der Torgauer Straße

„Die Landschaftsbauarbeiten des Grünzuges beginnen (…) im April 2014 und es wird der 2.Bauabschnitt zwischen Gotenstraße und Naumannstraße bis zum Ende des Jahres fertig gestellt.“

So beantwortete das Bezirksamt eine Anfang Februar eine Anfrage zum Zeitplan für die Fertigstellung des Grünzugs entlang der Torgauer Straße und des Cheruskerparks.
Nun ist der Juni zur Hälfte verstrichen und am 2. Bauabschnitt wurde noch kein einziger Spaten angesetzt. Neue Anfragen im Bezirksamt werden mit offener Ratlosigkeit beantwortet, man wisse auch nicht woran es liege, irgendwelche Probleme mit den Ausschreibungen, aber man halte an den Plänen fest, man habe ja noch ein halbes Jahr Zeit.
Das Hauptproblem ist indes, dass die europäischen Fördergelder in diesem Jahr ausgegeben werden müssen, sonst sind sie im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt und weg und der Streifen würde vermutlich so bleiben, wie er ist. Und auch die Torgauer Straße würde kaum ab der Cheruskerstraße zurück gebaut und durch einen Rad- und Fußweg ersetzt wie versprochen. Die Zeit läuft also davon, es bleiben nur noch rund sechs Monate, wenn das Wetter mitspielt. Es werden umfangreiche Erdarbeiten nötig sein, die Mauern zur Straße auf dem Kohlenhandlungs-Grundstück an der Gotenstraße müssen ersetzt werden (die Baracke bleibt übrigens stehen und wird von den weiteren Planungen ausgeklammert), Wege müssen angelegt und sogar ein paar Bäumchen gepflanzt werden.


Das bereits fertig gestellte Parkstück auf dem Cherusker-Dreieck (zerschnitten von der Torgauer) wirkt bereits jetzt, vor der Eröffnung etwas verwahrlost. Der angesäte Rasen ist nur unregelmäßig angewachsen, an anderen Stellen sprießt das Unkraut. Dessen ungeachtet, und auch die Absperrungen ignorierend, wird dieser Parkteil bei schönem Wetter bereits von den Anwohnern fleißig genutzt. Das zeigt, dass die neue Grünfläche - bei aller Kritik am Kahlschlag, vor allem an den Fliederbüschen - eine gute Idee ist und voraussichtlich positiv angenommen werden wird. Das Bezirksamt setzt diese Chance durch seine Untätigkeit aber mutwillig aufs Spiel. Noch ist Zeit, alles zu einem guten Ende zu führen - aber die Uhr tickt.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Coole Künstler, böse Bürger - Nazi-Vergleich beim Bezirksamt

Stein des Anstoßes
Kennen Sie Lou Favorite? Nein? Müssen Sie auch nicht unbedingt. Lou Favorite ist Künstler. Und Lou Favorite ist sauer. Richtig sauer. Sauer auf die Ignoranten, die ein Kunstwerk, das er zusammen mit fünf anderen preisgekrönt hat, nicht zu würdigen wissen. Lou Favorite hat zur Feder gegriffen und einen Text verfasst, in dem er auf diese Ignoranten eindrischt. Den Text hat er natürlich mit bildungsbürgerlichen Einsprengseln versehen. Und am Ende des Textes beschreibt Lou Favorite einen schnauzbärtigen Mann, der moderne Kunst in München zusammentragen ließ, um sie anschließend zu verbieten.
Lou Favorite zieht also einen direkte Linie von den Kritikern des Kunstwerkes, das er preisgekrönt hat, zu Adolf Hitler. Nun könnte man mit den Schultern zucken, die Augenbraue hochziehen und denken, Lou Favorite ist halt ein wenig verwirrt, will provozieren, wie es Künstler gerne tun, oder einfach nur unfassbar - aus juristischen Gründen beende ich diesen Satz nicht.

Allerdings findet sich dieser Text in einer kleinen Broschüre wieder, herausgegeben vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg: "Denkzeichen Kohlenhandlung Julius und Annedore Leber - Dokumentation des preisgekrönten Entwurfs ‚Windfang‘ von Katharina Karrenberg."

Es geht also um die Rednertribüne und die Steckdosenleiste, die von einer "unabhängigen Jury", wie mehrmals in der Broschüre betont wird, als bester Entwurf ausgewählt wurde, um die Baracke in der Torgauer Straße zu ersetzen, die an dem Ort steht, an dem Julius Leber Widerstand organisiert hat, an dem er verhaftet wurde und an dem Annedore Leber nach dem Krieg noch bis 1968 gewirkt hat.
Dem Bezirksamt ist es gelungen, ein Pamphlet zu verfassen, das in seiner Unausgewogenheit auch vor 25 Jahren in der DDR hätte erscheinen können. Gegner des Entwurfs werden nur in Satzfetzen zitiert, die sofort in der Luft zerrissen werden, Fakten werden verfälscht dargestellt (so wird mehrfach die Idee Frau Karrenbergs gelobt, die Mauern abzutragen - dabei war genau dies Wettbewerbsbedingung). Es werden acht Gästebucheinträge der Ausstellung zitiert, die 2012 in einer dunklen Ecke des Rathauses Schöneberg verdruckst die Entwürfe präsentierte. Von diesen acht äußern sich sieben positiv, einer negativ. Ich hatte auch in das Gästebuch geschaut und einen Eintrag hinterlassen. Und ich kann sagen: Das Verhältnis der negativen zu den positiven Stimmen war eher umgekehrt. Zudem stellt sich die Frage, warum sich die Autoren der Broschüre so aufregen, wenn das Echo doch so positiv war? Lou Favorite ärgert sich, dass die Gegner von der "Authentizität" des Ortes sprechen, obwohl ja nichts mehr authentisch wäre. Dass genau dieser Begriff in der Wettbewerbsbeschreibung verwendet wurde, ficht ihn nicht an. Vielleicht hat er diese ja auch gar nicht gelesen oder wieder vergessen. Und zum Schluss wird noch die gute alte Faschismuskeule geschwungen.

Interessant wird es, wenn man im Protokoll der Preisgerichtssitzung liest: Dort werden die "Attraktivität, Eleganz und Ästhetik" des Entwurfs hervorgehoben. Einwände, dass das Werk an eine Rednertribüne erinnere, obwohl die Arbeit von Leber im Untergrund erfolgte, in dem er natürlich einem Redeverbot unterlag, wurden abgewiegelt. Zudem werden "die Integration des Themas ‚Energie‘ in den Entwurf und der Hinweis auf den Nationalsozialismus positiv bewertet." Ah ja, das ganze sieht also hübsch aus, irgendwo kommt das Thema Nationalsozialismus vor und Energie kommt heute auch gut an. Und es kostet nicht viel. Also machen wir es!

Die Broschüre, der Umgang mit dem Thema im Bezirk und nicht zuletzt der Beitrag von Lou Favorite, der unwidersprochen abgedruckt wurde, zeigen, dass sowohl das Preisgericht als auch das Bezirksamt mit der Thematik schlicht überfordert waren und sind. Um einen überzeugenden Entwurf zu schaffen, bedarf es etwas mehr, als einer willkürlichen, schön azuschauenden Rednertribüne aus Weißbeton. Es bedarf einer kompetenten Jury, eines offenen Verfahrens. Dann können auch überzeugende Kunstprojekte entstehen, wie im Bayerischen Viertel, das in der Broschüre Erwähnung findet, oder auch das Stolperstein-Projekt.

Das Vorwort stammt übrigens von Jutta Kaddatz. Frau Kaddatz widerspricht auch nicht Lou Favorite und Frau Kaddatz hofft darauf, "die begonnene Diskussion konstruktiv weiterzuführen." Frau Kaddatz ist Stadträtin für Volksbildung.

PS: Die Baracke bleibt stehen und wird eingezäunt bis zu einer Lösung. Der Grünzug wird darum herum gebaut.

Mittwoch, 2. September 2009

Der Kohlenhändler Julius Leber


Hervorgerufen durch zahlreiche "TV-Events" und "Blockbuster" ist es in den letzten Jahren Mode geworden, vor allem dem Widerstand von Mitgliedern der Reichswehr unter dem Stichwort "20. Juli" zu gedenken. Dabei wird meistens ausgeblendet, dass es sich bei den Verschwörern um eine reaktionäre Truppe handelte, die eine autoritäre Militärdiktatur errichten und den Krieg fortsetzen wollte; ein demokratisches System wäre Stauffenberg und Co. nicht in den Sinn gekommen. Dass es Widerstandskämpfer gab, die sich der Diktatur von Beginn an entgegenstellten und nicht erst, als die militärische Niederlage drohte, wird dabei gerne vergessen. Ein solcher Mann war Julius Leber. Der Sozialdemokrat war von 1924 bis 1933 Reichstagsabgeordneter. In der Nacht nach der Machtergreifung, am 1. Februar 1933, stach sein Reichsbanner-Wachmann einen SA-Sturmmann nieder. Leber wurde als "geistiger Urheber" der Tat unter Missachtung seiner Immunität zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Doch auch nach der Strafe wurde er von 1935 bis 1937 in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen festgehalten. Nach seiner Freilassung konnte Leber in der Kohlenhandlung B. Meyer und Co., in die sich seine Frau eingekauft hatte, arbeiten. Die Baracken, die heute noch in der Torgauer Straße zu sehen sind, dienten ihm als konspirativer Treffpunkt mit Mitgliedern des Widerstands, unter ihnen der Kraisauer Kreis oder die Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. So hatte er auch Kontakte zu dem Verschwörerkreis um Stauffenberg, in dessen Plänen für die Zeit nach dem Umsturz er als Innenminister vorgesehen war, Graf von der Schulenburg sah ihn sogar als Reichskanzler. Der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss war ebenfalls Gast bei Juilus Leber und schrieb in seinen Memoiren: "Die zwei kleinen Zimmer in dem fragwürdigen Häuschen, nahe dem Bahnhof Schöneberg, zwischen den Kohlebergen der Firma B. Meyer & Co. war eine rechte Verschwörerbude. Manchmal klingelte es an der äußeren Tür, und Leber musste dann wohl in den vorderen Raum, um einen Kunden zu vertrösten. Aber in der Hinterstube, auf verhockten Sesseln, hatte die politische Leidenschaft ihre Herberge, verachtender Hass und brennende Liebe." Bereits am 5. Juli 1944 wurde Leber von der Gestapo verhaftet und nach einem Schauprozess am Volksgerichtshof am 5. Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet.
Auf den historischen Ort in der Torgauer Straße 24-26 findet sich bislang kein Hinweis; das Gelände der ehemaligen Kohlenhandlung, die bis in die siebziger Jahre bestand, wird heute von einem Autohändler genutzt. Geplant ist hier, einen Grünstreifen im Rahmen der "Schöneberger Schleife" anzulegen. Auf die Idee, einen Gedenkort einzurichten, eventuell dafür die Baracken zu erhalten und in die Anlage zu integrieren für Ausstellungen über den Widerstand, scheint noch niemand - bedauerlicherweise nicht einmal die SPD - gekommen zu sein. Der gerade eröffnete Geschichtsparcours Papestraße zeigt, wie man mit historischen Orten umgehen kann. Zumindest aber eine Gedenktafel sollte zukünftig im neuen Park zu sehen sein um so Julius Leber zu gedenken.